- Die "Diebin " Xelia -

 

 

TharGelion lag zwischen den Felsen und beobachtete die Schlucht. Nach einiger Zeit nahm er eine Bewegung wahr und sah, dass wieder einer der Wegelagerer aus seinem Versteck kroch, um den Reisenden aufzulauern. TharGelion schlich sich an ihn heran und als er nur noch wenige Schritte entfernt war, richtete er sich auf und zeigte sich dem Halunken, da es nicht TharGelions Art ist, jemanden hinterrücks anzugreifen. Sofort zog der Dieb sein rostiges Schwert, in dem Thar, wie ihn seine Freunde nennen, ein Erbstück des Hauses Hador erkannte. Wie der Dieb an diese Waffe gekommen war ist ein Rätsel und wird es wohl auch immer bleiben. TharGelion sah an der Waffe die Runen, die für das Haus Hador standen und wusste, dass sie großen Wert besaß, selbst wenn der Halunke, der vor ihm stand nichts davon zu wissen schien und das Schwert total vernachlässigt hatte.

Mit einem wilden Schrei griff der Wegelagerer an und Thar konnte den üblen Fuselduft in seinem Atem riechen. Er blockte den ungestüm geführten Schlag des Diebes mit seinem Kampfstab und schwang das metallbeschlagene Ende gegen die Beine des Gegners. Die Wucht des Schlags reichte, um den Halunken von den Beinen zu holen, nicht jedoch, um ihn ernsthaft zu verletzen.

Nun lag der Kerl zwar am Boden, aber wie nicht anders zu erwarten, hielt er nicht viel von einer ehrenhaften Kampfführung. Mit einer schnellen Bewegung und viel Heimtücke warf er Thar eine handvoll Sand ins Gesicht, die ihn blendete. Den Kampfstab zum Schutz hochreißend, stolperte Thar zurück und trat dabei in eine kleine Spalte, so dass er sich schmerzhaft das Fußgelenk verdrehte. Sofort war der Dieb auf den Beinen und schlug wuchtig auf TharGelion ein, der große Mühe hatte, die Schläge abzulenken und ihnen auszuweichen. Der Schmerz ihn Thars Fuß ließ kleine Sterne vor seinen Augen tanzen und mehr aus Zufall gelang es ihm, seinen Kampfstab gegen die Schläfe des Lumpen krachen zu lassen. Dieser taumelte und schlug dabei seine Klinge mit einer rückwärtig geführten Bewegung gegen Thars rechten Unterarm. Glücklicherweise hatte dieser den Kampfstab in beiden Händen und konnte ihn festhalten. Mit der blutenden Rechten wob TharGelion eine machtvolle Zauberrune in die Luft und schuf einen kleinen, aber lodernden Feuerball, den er dem Dieb entgegenschleuderte. Benommen von dem Schlag gegen die Schläfe konnte der Wegelagerer nicht ausweichen und verschwand in dem sich immer weiter ausdehnenden Zaubererfeuer. Flammenumschlungen sank der Halunke zu Boden und starb.

Thar ließ sich zur Erde sinken und stillte zunächst die Blutung an seinem Unterarm, als er in der ferne ein fröhliches Lied hörte. Noch geschwächt und mit starken Schmerzen im Fußgelenk zog er sich zwischen zwei Felsen zurück und suchte in seinem Rucksack nach einem Heiltrank, der die Bänder und Sehnen in seinem Fuß wieder herstellen konnten.

Er öffnete grade die kleine, glitzernde Phiole, als er sah, dass eine hübsche Junge Frau den Pfad entlang hüpfte und verträumt vor sich hin sang.

Verwundert erkannte Thar in der jungen Dame die Maid Xelia, die eigentlich als berühmte Kriegerin in Mirimotha bekannt war, nun aber vollkommen ungeschützt und seltsam entrückt dem gefährlichen Pfad durch die Berge folgte.

Da Thar wusste, dass keine Feindschaft zwischen Xelia und ihm bestand rief er sie an: „Junge Xelia, was führt euch so beschwingt durch diesen Pfad entlang?“

Doch statt zu antworten bückte sie sich lediglich, nahm das Schwert des verbrannten Diebes auf, ohne seine Leiche auch nur eines flüchtigen Blickes zu würdigen und verschwand hüpfend zwischen den Felsen.

Verärgert und verdutzt wob Thar dir Rune für einen Zauberruf in die Luft und rief hinter ihr her: „Xelia, hast du das wirklich nötig?“

Kurze Zeit herrschte Schweigen zwischen den hoch aufragenden Klippen, doch dann erklang von Ferne ein ebenfalls zaubergestützter Ruf: „Was denn, TharGelion? Ich hab doch gar nichts gemacht.“

Und noch bevor Thar antworten konnte erklang Xelias Stimme von neuem: „Oh, du meinst das Schwert! Das hab ich gar nicht gemerkt.“

Der Heiltrank tat gerade kribbelnd seine Wirkung in Thars Fuß, als Xelia geschwinden Schrittes und nun mit klarem Blick zurück auf den Schauplatz des Kampfes kam. „TharGelion,“ rief sie „es tut mir furchtbar leid, ich habe gar nicht darauf geachtet, was um mich herum vorgeht. Oh, ist mir das peinlich! Du musst mir glauben, dass es keine Absicht wahr.“

Thar musste grinsen und wollte gerade etwas entgegnen, als ihm von einer weiteren Frauenstimme das Wort abgeschnitten wurde. „Xeli, was veranstaltest du hier?“ lachte Samira, die von Westen dazu kam. „Bist du wieder wirr?“

Xelia rief: „Hallo Samira! Ich hab TharGelion das Schwert geklaut, ohne dass ich ….“ und war im nächsten Moment wieder völlig abwesend.

Samira und TharGelion schauten sich an und schüttelten die Köpfe. Offensichtlich hatte Xelia einen Zauberspruch gewirkt, der ihr aus den Händen zu gleiten schien und ihren Geist verwirrte.

Thar sagte: „Xelia? Ist alles in Ordnung?“

Und mit plötzlich deutlicher Stimme und klarem Blick antwortete sie: „Ja, Thar. Alles klar – ich rede nur gerade noch mit jemand anderem. Moment. Ach ja, hier hast du das Schwert.“

Nun mussten er und Samira wirklich lachen, da sie erkannten, das Xelia ständig zwischen Clantelepathie, einem Fernkommunikationszauber und ihrem Gespräch hin und her wechselte, ohne einer Unterhaltung richtig folgen zu können.

Nun war die Situation völlig entspannt, Thar und Samira unterhielten sich noch einen Moment lang und Xelia nahm immer wieder mal an dem Gespräch teil und entschuldigte sich wiederholt bei TharGelion, sich offensichtlich der Tatsache nicht bewusst, dass der ihr überhaupt nicht mehr böse war.

Nach einiger Zeit rief sie laut aus: „Oh, ich muss schnell weiter! Macht’s gut ihr Beiden!“ und war daraufhin hüpfend und singend verschwunden.

Samiras abschließender Kommentar lautete lakonisch: „Total wirr!“

Und das Schwert? Thar verkaufte das Schwert, da er Geld für die Akademie brauchte und genau wusste, dass kein Mitglied des Hauses Hador noch am Leben war an eine fahrenden Händler, der Thar versprach, es zu reinigen und an ein Museum zu verkaufen.

So endete die Geschichte von TharGelion und der vermeintlichen „Diebin“ Xelia, die ihm noch einige Male in der Zeit danach einen verschämten Blick zuwarf.

 

 

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