- TharGelion und das Einhorn -

 

Eines Tages streifte TharGelion durch die Tiefen des Verließes unter der Festung der dunklen Magier – wieder mal auf der Suche nach Ungeheuern, Gold und seltenen Artefakten. Als er vorsichtig um eine Ecke des Ganges spähte, traute er seinen Augen nicht. Hier unten, tief unter der Erde, fern des Lichtes sah er ein Geschöpf, das so wenig in die Dunkelheit passte, wie der Schnee in den Sommer. Hier an den Wurzeln des Berges, tief unter der Festung und noch tiefer unter dem lichten Himmelsgewölbe Erus, des Einen stand ein Einhorn. Ein Geschöpf des Lichtes, wunderschön und schrecklich in seiner Macht. So sah TharGelion das Einhorn Unicon zum ersten mal, und weil er seinen Namen nicht wusste, nannte er es -Elenril-, was Sternenglanz bedeutet, leuchtete doch das Fell des Einhorns in den dunklen Tiefen des Verließes wie ein Stern am Nachthimmel. Vorsichtig und bedächtig näherte sich TharGelion und er sah, dass das Einhorn ein Schwert neben sich liegen hatte – eine Klinge, die von schier unbezähmbarer Macht strahlte. 

 

Das Einhorn war über ein uraltes Pergament gebeugt und es schien so, als bemerkte es zunächst nicht, dass TharGelion sich näherte und auch das war etwas, worüber er tiefe Verwunderung empfand, gehören Einhörner doch zu den aufmerksamsten Geschöpfen der bekannten Welt.

Leise und vorsichtig sprach TharGelion das Einhorn an. Das Einhorn hob den edlen Kopf und schaute TharGelion aus seinen tiefdunklen Augen an. Dann sprach es zu ihm und erklärte, dass es bemerkt hatte, dass er sich näherte, mit der ihm eigenen Macht aber spüren konnte dass keine Bedrohung von ihm ausgeht. Tatsächlich erkannte das Einhorn instinktiv, dass es einen Halbelben vor sich hatte, in dessen Adern das uralte Blut Feanors des Einhornfreundes floss.

Das Einhorn erzählte TharGelion, dass es versuchte, die Macht der Klinge zu erwecken, den Inhalt des Pergaments aber nicht entschlüsseln konnte. So kam es, dass sich TharGelion des Pergaments annahm und siehe – es waren uralte elbische Worte, geschrieben von Feanor selbst, in Quenya - der Hochsprache der Noldor.

Nun war TharGelion dieser alten Sprache mächtig und übersetzte die magievollen Schriftzeichen.

 

Der Text auf dem Pergament lautete:

 

Minétil, ein Schwert, geschmiedet aus Weißgold und Adamant, zur Weißglut gebracht im lodernden Herzen des Feuerstiers und abgekühlt in der klaren Quelle des Einhornwaldes.

Von Feanor geschmiedet zum Dank an das Einhorn, dass ihn auf seinem Rücken durch die Reihen der Uvanimo (Ungeheuer) in die Freiheit getragen hat.

Feanor überreichte das Schwert, dass zu einem Haryon (Erbstück) der Einhörner wurde an ihre Anführerin und sie gab dem Schwert den Namen:

 -Minétil-.

Verzaubert wurde das Schwert von Yavanna und gesegnet von Aule. Kein Rüstung, keine Haut und nicht einmal die Schuppen der großen Drachen können ihm widerstehen.

Die Klinge ist lang und schlank und mit machtvollen Runen verziert, die den Mut der Trägerin stärken und die Kraft des Feindes schwächen. Die Schneiden der Klinge glimmen in dem blauen Licht, dass die Elben -Calalúne- nennen, sobald ein Feuerstier, der Todfeind der Einhörner in der Nähe ist. In dem dunklen Edelstein im Handschutz spiegeln sich die Sterne des Nachthimmels, auch bei Tage und der Griff ist mit feinstem Haar aus den Schweifen der Einhörner umwickelt. In den Knauf ist die Blume von Cementari Yavanna, der Göttin der Erde eingearbeitet, ein lichtes Symbol für Tod und Wiedergeburt. Ein Schwert, dass es in ganz Mirimotha (Freewar) nur einmal gibt und das seinesgleichen sucht. Alle Trägerinnen die in den vergangenen Zeitaltern dieses Schwert führten, erhielten den als Epesse (Ehrennamen) den Namen –Calimethar- der –Helle Schwertkämpferin- bedeutet.

Unter der Geschichte des Schwertes stand der geheime Zauberspruch, den nur die Einhörner verwenden können.

 

 

 

TharGelion übersetzte den Text und so gelang es ihm und dem Einhorn, die Macht des Schwertes Minétil zu erwecken.

Die Macht des Schwertes erlaubte es dem Einhorn, sich in eine wunderschöne Kriegerin zu verwandeln. Als das Einhorn den Zauber der Klinge zur Entfaltung brachte, erstrahlte ein weißes Licht, furchtbar und schön zugleich in seiner Kraft. Aus diesem Licht tratt eine Frau, deren lange weiße Haare das schmale, feingezeichnete Gesicht umspielten, die Kriegerin hatte hohe Wangenknochen und tiefdunkle Augen. Durch die an eine Mähne erinnernden Haare schauten spitze, aber zarten Ohren und ein feines, schwer zu deutendes Lächeln umspielte den sinnlichen Mund. Gekleidet war die Kriegerin in eine schimmernde Rüstung aus rotem Gold, auf der Flammen spielen. Darunter trug sie ein feines Gewand, gewebt aus den Schweifhaaren von Einhornschimmeln. Kein Schild und keine andere Waffe außer dem Schwert Minétil wurde von ihr geführt – keine andere Waffe ist nötig oder würde von der machtvollen Klinge geduldet werden. So wurde aus dem mächtigen Einhorn eine Kriegerin, die kaum einen Gegner zu fürchten braucht.

So wurde das Einhorn zu Calimethar – der hellen Schwertkämpferin aus den Legenden der Einhörner, von denen es seit vielen Zeitaltern keine mehr gegeben hatte.

Das Einhorn und TharGelion wurden durch dieses Abenteuer gute Freunde.

 

 

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