- Graverobbers Gold -

 

 

TharGelion stand in der Bank aller Wesen und verstaute die Beute, die er auf seiner letzten Reise durch Mirimotha gemacht hatte. Thar war relativ unzufrieden und mürrisch, da außer ein wenig Gold und der ein oder anderen Zauberspruchrolle mit mehr oder weniger nützlichen Zaubern, eigentlich nur blaue Flecken und zerrissene Kleidung als zählbares Ergebnis zu verzeichnen waren. In Gedanken an ein Taunektarbier und ein Teidamsteak und in der Hoffnung, heute eventuell Unicon wieder zu sehen betrachtete er geistesabwesend die spärliche Beute.

Die Bank war mal wieder vergleichbar mit einem Bienenstock, aber um Thar herum hatte sich ein Raum gebildet, in dem sich niemand aufhielt, da die anderen Abenteurer und Krieger offensichtlich merkten, welch düstere Stimmung TharGelion befallen hatte. Zu allem Überfluss kam auch noch ein Postvogel, der Thar die Nachricht brachte, dass sich Unicon auf einer längeren Reise befand und erst am nächsten Tag erwartete, zurück zu sein.

 

Insgesamt konnte man da wirklich nur von einem verdorbenen Tag sprechen – keine Unterhaltung mit Unicon, wenig Beute, deren Verkauf höchstens die zerrissene Kleidung und die Aufwendungen für die dringend benötigten Heilzauber abdecken würden und eine elend sinnlose Verschwendung von Zauberkugeln auf der letzten Reise.

 

Und in diese finstere Stimmung platzte dann auch noch Graverobber! Grave, wie er genannt wurde ist ein junger Abenteurer, der die Verließe und Höhlen in Mirimotha nach verwertbarem absucht und den Thar bereits seit einiger Zeit kannte.

„TharGelion, Hallo!“, rief Grave, „Du musst mir unbedingt helfen!“

Thar drehte sich langsam und schaute Grave an, der ihn aus einem total verdreckten Gesicht anstarrte. „Aiya, Grave“, sagte Thar müde, „was willst du?“

„Thar, ich habe ganz viel gelernt – ich weiß jetzt, wie ich den Ring verwende, du weißt schon, den dunklen Ring des Schutzes! Ich bin total aufgeregt, wenn ich das Ding hab, steigt meine Verteidigung wie verrückt!“

„Ist ja gut, ich freu mich ja für dich“, sagte TharGelion, „aber was hab ich damit zu tun, warum soll ich dir helfen, du hast doch selber Finger, an denen du den Ring tragen kannst.“

Grave bemerkte offensichtlich nicht, dass Thar nicht unbedingt in bester Plauderlaune war und redete weiter auf ihn ein: „Ja, den Ring trag ich dann selber, aber …“ und nun flüsterte er verschwörerisch, „…Thar, mir fehlen noch 300 Goldstücke und …. kannst du mir was leihen?“

Thar sah Graverobber an und jeder der ihn besser kannte, hätte bemerkt, dass er offensichtlich überlegte, ob er Graverobber den Umhang um den Kopf wickeln sollte. Langsam sagte er: „Meinetwegen, kannst 300 haben – aber bitte verschwinde dann!“

„Prima“, freute sich Grave gutgelaunt,  „ich werd sofort zum Händler ins vergessene Tal wandern – Thar, ich geb dir dein Gold so bald wie möglich …“

„Hier hast du das Gold“ unterbrach ihn Thar, „und jetzt lass mich bitte in Ruhe.“

 

Graverobber schien endlich zu bemerken, dass TharGelion in keiner günstigen Stimmung war, nahm den Sack mir Gold und verschwand grinsend aus der Bank.

TharGelion packte endlich seine Sachen in das Schließfach, zahlte noch ein paar Goldstücke ein und machte sich daran, zum Wirtshaus zu gehen. Unterwegs goss es in Strömen und als er das Wirtshaus erreichte, sah er, dass es gerammelt voll war. Viele Krieger und Abenteurer hatten vor dem Unwetter Schutz gesucht und fröhliche Lieder, durchmischt mit den wütenden Schreien einiger inzwischen schon sturzbetrunkener menschlicher Kämpfer drangen durch die von Rauch, Schweiß und Hitze beschlagenen Fenster.

Thar stand einige Minuten vor dem Wirtshaus und wusste nicht, ob er vor Zorn Schreien oder sich über den versauten Tag krumm lachen sollte. Mit einem resignierten Grinsen schulterte er schließlich seinen Rucksack und schlug, gestützt auf seinen Kampfstab den Weg nach Norden ein.

 

Zwischen den Ruinen begegneten ihm lediglich ein paar Sprungechsen und als er einige Zeit später dir Bergwiese erreichte, stellte er fest, dass er zu spät kam. Der Bergwiesenzauberer, den Thar herausfordern wollte, lag tot im Gras, eindeutig von einem Zauber Angoesces getroffen, die TharGelion zuvor gekommen war. Ein annähernd wahnsinniges Lachen erscholl in der Stille der Berge, als TharGelion sich den Verlauf des Tages vor Augen führte.

„Das kann ja jetzt nur noch besser werden“, dachte er sich und wandte sich gen Westen, um durch die Ruinen und die Schlucht der Sandsteine zur Festung der Dunkelmagier zu wandern, wo er sich etwas Ruhe erhoffte.

 

Es schien tatsächlich so, als sei Thar an diesem Tag von den Göttern verflucht. Düsteren Gedanken nachhängend wanderte er nach Westen durch die Ruinen und kam nach einiger Zeit zum Eingang in die Schlucht der Sandsteine. Der Regen hatte aufgehört, aber der stürmische Wind heulte ihm aus der trostlosen Schlucht entgegen und sang sein trauriges Lied. Schon aus einiger Entfernung sah TharGelion den Steingolem. Um den Golem herum lag jede Menge Gold und einige zerfetzte Kleidungsstücke. Spöttisch verzog TharGelion das Gesicht – dieser Golem kam ihm grade Recht. Aus seiner düsteren Stimmung heraus ging Thar gemächlich auf den Golem zu. Sein Gesicht verzog sich zu einem wölfischen Grinsen und seine Sinne waren aufs äußerste gespannt.

Der Golem stapfte Thar entgegen, ungelenk, aber mit unglaublicher Kraft. Dann war die Distanz überbrückt, Thar blieb stehen und der Golem hob beide Arme, um den Halbelben in die Erde zu rammen. Auf diesen Moment hatte Thar gewartet und nun riss er seinen Kampfstab in einer flüssigen Bewegung von unten nach oben, um dem Golem die eisenbeschlagene Spitze knapp unterhalb des linken Armansatzes gegen die Brust krachen zu lassen. Durch den Schlag TharGelions wurde der Golem etwas zur Seite gezwungen, so dass die felsartigen Fäuste wirkungslos in den Felsboden schlugen. Währenddessen hatte Thar seinen Kampfstab herum geschwungen und ließ ihn nun dem nach vorne gebeugten Unhold von oben in den Nacken krachen. Der Schlag war so fest, dass der Stab beinahe zerbrach und der Golem flach mit der Stelle auf den Fels aufschlug, an der bei einem lebenden Wesen das Gesicht sitzt. Die Spitze des Kampfstabes auf den Nacken des Golem gerichtet wob TharGelion einen Manastoß und jagte ihn entlang des Kampfstabes in den Golem. Der Kopf des Golems zersprang und dann zerfiel auch der Rest seines Körpers in kieselgroße Stücke.

 

Außer Atem, aber nahezu ohne Verletzung stand Thar zwischen den kleinen Steinstücken und lächelte. Das hatte er gebraucht, er fühlte, dass viel von seiner inneren Anspannung von ihm abfiel und schaute sich um. Er sammelte das Gold ein und stellte fest, dass es über 400 Goldstücke waren – der Golem musste einen reichen Wanderer angegriffen und besiegt haben. Zwischen zwei kleineren Felsbrocken entdeckte Thar dann plötzlich eine Kappe und erkannte sie als Eigentum von Graverobber.

„Oh Nein“, dachte Thar „der Kerl kann zwar ne Nervensäge sein, aber das hätte ja nun wirklich nicht sein müssen.“ Grinsend sammelte Thar alles ein was er finden konnte, wusste er doch, dass auch Grave im Falle einer Niederlage von einem Schutzzauber in seinen Heimatort versetzt werden würde. Thars Laune wurde noch besser, als er in der Ferne den Kopf von Graverobber zwischen den Felsen auftauchen sah.

 

Lachend rief Thar: „Grave, du Depp! Was haste denn jetzt wieder veranstaltet?“

Grave kam völlig außer Atem auf ihn zu und schrie: „Der blöde Golem, ich hatte total vergessen einen Heilzauber zu verwenden! Das Ding hat mich einfach platt gemacht! Mein ganzes Geld!“

Thar konnte sich kaum halten: „Nun reg dich ab! Ich hab den Golem getötet“, und mit einem fiesen Grinsen fuhr er fort, „und ne Menge Geld hab ich auch gefunden.“

Graverobber blickte Thar fragend an und bevor er etwas sagen konnte, sprach TharGelion: „Hier du Glücksritter, da haste nen Heilzauber und 400 Goldstücke, lass uns zum Händler laufen. Ich pass auf dich auf. Aber quatsch mich jetzt bitte nicht voll.“

 

Er gab Graverobber den Zauber, das Gold und stülpte ihm auch noch seine Mütze über den Kopf. Dann wanderten beide in Richtung des Vergessenen Tals, wo der Händler sein Geschäft hatte. Recht unspektakulär wehrten sie den Angriff eines überforderten Wegelagerers ab und fanden bei diesem noch eine kleine Menge Gold und eine alte Klinge.

Thar war wesentlich besserer Laune, als sie den kleinen Laden erreichten und begleitete Graverobber hinein. Während Thar sich umschaute wollte sich Grave die neue Schutzausrüstung kaufen. Nach kurzer Zeit stand er in einer nagelneuen dunklen Magier-Robe vor TharGelion und drehte sich stolz im Kreis.

„Steht mir gut, nicht wahr?“, freute sich Graverobber, „und schützt mich besser, als meine alte Rüstung.“

„Ja, toll“, sagte TharGelion und musste ein Lachen unterdrücken, „aber hattest du nicht erwähnt, du hättest gelernt, wie man mit dem dunklen Ring des Schutzes umgeht?“

Dazu muss man wissen, dass der dunkle Ring noch besser schützt, als die Robe, ohne dabei wesentlich teuerer zu sein.

Graverobber stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch: “Oh nein, wo ist dieser verdammte Verkäufer? Ich bring ihn um, der hat mich zu der Robe überredet.“

„Nana“, sagte Thar, “hattest du den noch genug Geld für die Robe?“

„Nein“, gab Grave kleinlaut zu, „aber ich wollte mir nicht schon wieder was von dir leihen.“

Thar lachte: „Du Trottel, du schuldest mir jetzt eh schon soviel Gold, dass ich am ehesten Interesse daran habe, dass du gut geschützt durch die Gegend rennst.“

Graverobber stand mit verkniffenem Gesicht vor TharGelion und wusste nicht so recht, was er jetzt machen sollte: „Und nun?“

Thar grinste: „Hier hast du noch mal 700 Goldstücke. Jetzt such den Verkäufer und lass dir den Ring geben. Das Geld kannst du mir wieder geben, wenn du wieder genug hast.“

„Danke“, ließ sich Graverobber leise vernehmen und zog mit dem Gold ab.

Nach einer kurzen Weile kam er etwas zerknirscht, aber lächelnd zurück: „Ich hab den Ring! Und ich hab die Robe verkauft, allerdings hat mir der Händler nur die halbe Summe des Kaufpreises gegeben. Hier hast du schon mal 300 Goldstücke zurück. Wie viel schulde ich dir jetzt noch?“

„Hättest du die Robe nicht besser in der Markthalle verkauft?“ fragte Thar.

„Um sie mir auf dem Weg dahin von irgendwelchen Wegelagerern oder Golems abnehmen zu lassen? Nein danke, mein Bedarf ist für heute gedeckt. Jetzt sag schon, wie viel du noch bekommst.“

„Gib mir 1000 Goldstücke, wenn du sie hast, aber lass dir Zeit“ antwortete Thar, der bei sich dachte, dass er keine Lust hatte, für die Duseligkeit von Graverobber aufkommen zu müssen.

Graverobber war noch nicht einmal unzufrieden, hatte TharGelion ihm doch nun insgesamt drei Mal aus der Klemme geholfen und ihm dann auch noch einen zu niedrigen Betrag genannt. Als Thar ihm noch eine Zauberkugel zuschob, war Grave endgültig wieder bei guter Laune angelangt und verabschiedete sich freundlich von TharGelion: „Machs gut, Thar. Danke für deine Hilfe.“

„Sieh zu, dass du nach hause kommst“ sagte Thar lächelnd, „und pass auf dich auf!“

Graverobber verschwand aus dem Laden und nachdem Thar noch zwei Heilzauber gekauft hatte, verhandelte er mit dem Händler wegen der Klinge des Wegelagerers, die ihm letztendlich 180 Goldstücke einbrachte.

 

Lächelnd ging TharGelion vom Laden aus zur Festung und dachte sich, dass der Tag dann doch noch einen guten Abschluss gefunden hatte. Erst der Golem, dann Graverobbers Gold, der ungeschickte Wegelagerer und die Kaufkapriolen von Graverobber im Laden des Händlers.

„Wenn ich Elenril das erzähle lacht die sich ein scheckiges Fell“ sinnierte Thar schmunzelnd und kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht kam auch schon der magische Fernruf von Unicon – Thars Freundin, die er Elenril nannte.

„Wo bist du Thar, ich bin schon zurück!“ lautete die Botschaft von dem Einhorn.

Voll Freude teilte Thar Unicon seinen Aufenthaltsort mit und kaum hatte er den telepathischen Gedanken zu Ende gebracht, erschien Unicon auf den magischen Flügeln einer Zauberkugel etwas weiter südlich im vergessenen Tal. Thar konnte sie schon von weitem erkennen, gibt es doch in ganz Mirimotha nur ein Einhorn. Und es gibt auf der ganzen bekannten Welt nur dieses Eine, dass den Namen Elenril – Sternenglanz, wie TharGelion Unicon nennt, tragen könnte, leuchtet doch sein Fell selbst in der Nacht wie der hellste der Sterne.

Mit einem schallenden Wiehern, das von den umgebenden Bergen zurückgeworfen wurde, begrüßte Unicon TharGelion, der ihr entgegeneilte. Gemeinsam gingen sie zur Festung hinauf und erzählten sich bei einigen Flaschen Wein von ihren jüngsten Abenteuern. Noch bis tief in die Nacht lachten und feierten sie und von Thar düsterer Stimmung war nicht mal mehr ein Hauch übrig.

 

 

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