- Der Stab des Magiers -

 

 

Es war einer dieser seltenen, besonderen Abende, an denen die Dämmerung scheinbar doppelt so lange dauert wie üblich, als Istharion mit ein paar Freunden an einem kleinen, prasselnden Lagerfeuer saß und sie sich gegenseitig alte Geschichten erzählten. Dabei fand das Gespräch irgendwann den Weg zu dem Stab, den der Zauberer Surkhelas als Waffe trägt und dessen Herkunft so schleierhaft ist. Berilac, der Zwerg, sprach Istharion darauf an, dass dieser jawohl mehr darüber wissen müsste, da er ja immerhin Thiliarga, die Schwesterwaffe des Stabes von Surkhelas tragen würde. Daraufhin lehnte sich Istharion zurück, nahm sich einen frischen Krug von Ramors Bier und begann die Geschichte von einem Halbelben und seinem magischen Kampfstab zu erzählen. Kurz beschrieb er eine alte Stadt der Elben, die in fernen Landen liegt und die durch die umgebenden Berge geschützt ist. In dieser alten Elbenstadt, so erklärte Istharion begann die Geschichte des Stabes:

 

„Als der Halbelb zu der großen Flügeltür schritt, spürte er den verächtlichen Blick des hohen Elbenfürsten und seiner Berater in seinem Nacken brennen. Mühsam unterdrückter Zorn brandete immer wieder in ihm auf, als er die Halle verließ und sich auf den Weg zu dem Haus seiner Eltern machte. Niemand sprach ihn an oder stellte sich ihm in den Weg, aber er konnte das Flüstern der Elben hören, die ihn beobachteten.

 

Als er das schmale Gebäude erreicht hatte und durch die Tür mit dem Blattmuster eingetreten war, überfielen ihn die Erinnerungen und Gefühle der letzten Tage und ließen ihn auf die Knie sinken. Eine einzelne Träne lief über seine hohen Wangenknochen und hinterließ wie zum Hohn eine allzu menschlich wirkende Falte in seinem Gesicht. Wieder war es dieser Makel, der ihn schon sein ganzes Leben verfolgte.

 

Der Halbelb betrachtete die vertraute, kleine Halle mit den fein gearbeiteten Teppichen mit denen seine Mutter die Wände verziert hatte; er ließ seinen Blick über die Szenen schweifen, die die Wandbehänge zeigten. Zumeist waren es Bilder von wichtigen Ereignissen aus der Geschichte des Fürstentums, aber auch ein paar Heldentaten seines Vaters waren mit elbischer Seide von den geschickten Händen seiner Mutter festgehalten worden.

All dies würde er zurück lassen müssen.

 

Wieder kochte der Zorn in ihm hoch und der Mann stand auf und ging durch die Halle in den Korridor, der ihn zum Schlafgemach seiner Eltern führen würde. Er stieß die beschädigte Tür auf und betrat das Zimmer, das nun aufgeräumt war, aber dem wissenden Auge immer noch die Spuren der furchtbaren Ereignisse zeigte, die sich wenige Tage zuvor dort zugetragen hatten. Ein Fleck in dem polierten Holzboden, den das Blut seiner Mutter hinterlassen hatte, einige tiefe Scharten in den Möbeln, die von grausamen Schwertern und Äxten geschlagen waren, das zerstörte Fenster, durch das nun ein leise flüsternder Wind ins Zimmer strich, um die Geschichte des Meuchelns und Mordens weiter in die Welt zu tragen.

 

Reglos und wortlos stand der hoch gewachsene, dunkelhaarige Abkömmling einer Elbin und eines Menschen in dem Türrahmen und langsam senkten sich seine Augenlider. Durch das Fenster hörte er das Zwitschern der Vögel, die seine Mutter so sehr geliebt hatte und die immer wieder um sie herum geflattert waren, wenn sie im Garten saß und die kunstvollen Teppiche webte. Dem Halbelben erschien der Klang der Vogelstimmen nun wie das Wispern der Grabesgeister und mit jedem Augenblick, den er verweilte, manifestierte sich ein grausamer Gedanke immer stärker. Abschied.

 

Nach einer Zeit, die für das flatterige Herz eines Lilienfinken Stunden gemessen haben mag, regte sich der Mann und seine Augen öffneten sich langsam. Eine einzige, blutrote Träne rann seine Wange herab und tropfte auf den Boden, als hätte sie den Wunsch, ein weiteres Mahl der Trauer zu hinterlassen. Der Halbelb ging zu der Wand neben dem Bett und nahm dort einen kleinen Dolch aus einer Halterung. Die Hochzeitsgabe seiner Mutter und das einzige Geschenk, das sie von ihrer Familie erhalten hatte. Es war der Dolch seines Großvaters und abgesehen von einem Zauber, der die Klinge scharf bleiben ließ war er schlicht und von zeitloser Eleganz. Dennoch war es Elbenwerk und somit in den Augen vieler Menschen eine kostbare Waffe.

 

Der Halbelb wendete sich einem Schrank zu und öffnete ihn. Tief unten fand er ein langes und offensichtlich schweres Bündel. Er schlug den Stoff zurück und legte das Doppelblatt einer schweren Kriegsaxt frei, wie sie einige der Menschenvölker bevorzugen. Obwohl es seinen Vater viele Stunden und viel Mühe gekostet hatte, dem jungen Halbelben den Umgang mit dieser Waffe zu lehren, hatte dieser sie nie lieben gelernt. Zu plump und ungelenk erschien sie im, doch fühlte er, dass er sie benötigen würde.

 

Mit leisen Schritten verließ der Halbelb das Gemach zum letzten Mal. Er schloss die Tür und begab sich auf einen Rundgang durch das Haus, um noch einige Dinge zusammen zu suchen, die er mitzunehmen gedachte. Es war nicht viel, womit er sich belasten wollte und somit blieben viele Bücher, Schriftrollen, Waffen und Kunstgegenstände zurück. Anschließend trat der Mann in den Garten und wandte sich dem Haus zu. Voller Schmerz sprach er einige leise Worte in der Hochsprache der Elben und löste damit einen Zauber aus, der das Haus versiegelte. Es war kein besonders mächtiger Zauber und ein Magiekundiger würde ihn auch sofort entdecken, aber dem Halbelb ging es weniger darum, das Haus zu schützen, als vielmehr darum, einen Abschluss seines Lebens unter dem Dach zu erwirken, unter dem ihn seine Eltern aufgezogen hatten. Unverkennbar für jeden elbischen Zauberer war jedoch die Runenflamme seiner Mutter, die in den Zauber gewebt war und da sie die Nichte des Hochfürsten war, würde kaum jemand auf den Gedanken kommen, diesen Zauber einfach zu brechen.

 

Gefüllt mit brodelndem Zorn und einer tiefen Traurigkeit durchmaß der Sohn der Fürstennichte den Garten und schlug den Weg zum Südende des Tales ein. Dort würde er den Hain der magischen Bäume kurz vor der Nachtwende erreichen, wenn er nicht aufgehalten wurde. Und aufhalten würde ihn nun nichts mehr an diesem Ort.

 

Die Schatten wurden länger und langsam breitete sich Dunkelheit im Tal aus, doch der Schritt des jungen Halbelben war lang und energisch. Er wusste, dass er beobachtet wurde, doch niemand würde wagen ihn zu behindern. Für die Häscher und Spione des Fürsten musste es den Anschein haben, dass er das Tal am Südende verlassen würde um sich dann zu der Menschensiedlung durchzuschlagen, aus der sein Vater stammte, und die weit im Südwesten der Elbenstadt lag. Dorthin war er mit seinem Vater einige Male gereist und somit lag dieser Weg auf der Hand.

 

Mitnichten jedoch war diese Siedlung das Ziel des Halbelben und als er die ersten vereinzelten Bäume des großen Haines der Elbendruiden erreichte, begann er vorsichtig damit, die Runen für einen Tarnzauber in die Luft zu weben. Als er dann unter die ausladenden Kronen des Haines trat, löste er den Zauber aus und verschmolz mit den Bäumen und dem Dickicht.

Die heimlichen Verfolger lösten sich augenblicklich aus ihrer Deckung und begannen damit, den Halbelben fieberhaft zu suchen, doch nach geraumer Zeit mussten sie ihr Versagen einsehen und die Suche aufgeben.

 

Inzwischen hatte der Halbelb das östliche Ende des Haines unbemerkt erreicht und näherte sich der Höhle in der sein Mentor und Lehrer lebte. Vor deren Eingang wartete der weißgekleidete Druide bereits auf ihn und als sich der junge Zauberer näherte sprach die weißgewandete Gestalt: „Beende den Zauber, Junge. Du bist allein und niemand folgt dir.“

Etliche Jahrhunderte hatten feine Fältchen in das Gesicht des alten Elben geschnitten, etwas, was bei der alterslosen Rasse äußerst selten war. „Setz dich ans Feuer und erzähle mir, was dich getarnt zu meiner Höhle treibt.“

 

Der Halbelb ließ den Zauber fallen und blickte in das Gesicht seines Lehrers während er sich auf die höhlenabgewandte Seite des Feuers setzte. Über die Flammen hinweg sagte er: „Ihr wisst, was mich herführt, Meister. Es ist nicht mein Wunsch, doch beenden muss ich die Zeit des Lernens. Ich fühle, dass es zu früh kommt, doch Notwendigkeit treibt mich.“

„Die Zeit des Lernens siehst du als beendet an? Wenn dem so ist, hättest du nicht viel begriffen“, antwortete der Uralte, der sich ebenfalls niedergelassen hatte. „Doch verstehe ich, was dich antreibt und zumindest die Zeit in der ich dein Meister war, ist zu Ende. Nur eines noch bleibt uns zu tun.“

 

Die Rüge seines Meisters im Ohr verzog der Halbelb seinen Mund zu einem entschuldigenden Lächeln, ohne das dieses dabei seine Augen erreichen konnte: „Wie immer habt ihr Recht, Meister. Trauer und Zorn benebeln meinen Verstand. Lernen werde ich weiterhin, doch in diesem Tal könnte ich nur noch lernen, meinen Zorn zu beherrschen. Bis zu dem Tag an dem mir das nicht mehr gelänge und ein Unglück geschehen würde.“ Eine tiefe Falte bildete sich auf der Stirn des jungen Zauberers. „Der Fürst stellte mich vor die Wahl. Ich habe sie getroffen.“

„Der Fürst fürchtet dich, Junge. Du bist halb Mensch und halb Elb, für ihn ist das ein Widerspruch, eine Unnatürlichkeit.“

 

„Und ihr, Meister, empfindet ihr das auch so?“

 

Der alte Elb sah seinem Schüler lange in die Augen, Äonen schienen zu vergehen und im Geiste von Meister und Schüler zogen die Jahre des gemeinsamen Strebens nach Magie, Wissen und Vollkommenheit vorbei während zwischen ihnen das kleine Feuer mit wechselfarbigen Flammen leuchtete. Endlich sagte der Alte: „Ich habe viele Menschen gekannt, Herrscher und Fürsten, Bauern und Krieger und immer wieder fand ich Hast, Ungeduld und Zorn. Nur zu oft habe ich Kriege entstehen sehen, weil den Menschen die notwendige Ruhe und Gelassenheit fehlte. Das liegt daran, dass ihr Leben so schnell endet. Sie wollen alles sofort und mit Macht erreichen und kratzen dann doch nur an der Oberfläche. Dieses Blut trägst auch du in dir, wenngleich dein Vater über die Jahre doch einen Weg gefunden hat, den Wurzeln der Dinge nahe zu kommen. Dein Vater ist ein Krieger gewesen, du jedoch hast den Weg der Magie gewählt und damit das Erbe deiner Mutter angetreten. Anfangs habe ich dich nur mit großer Skepsis und zuliebe deiner Mutter als Schüler ausgewählt, doch schnell wurde mit deutlich, dass das Erbe der Elben stark in deinem Blute fließt. Nur selten brach die Hast und Ungeduld der Menschen durch, oft jedoch hast du stattdessen ihre Tatkraft und ihren unbeugsamen Willen gezeigt.“ Der alte Druide zögerte kurz. „Nein, ich sehe nicht das in dir, was der Fürst sieht. Aber ich sehe die Bedrohung die du für ihn darstellst und verstehe deshalb, warum er sich deiner entledigen muss. Du wärest längst tot, wäre deine Mutter nicht die Tochter seiner Schwester.“

 

Ein raubtierhafter Blick stahl sich in die Augen des Halbelben. „Meine Mutter ist tot, ebenso wie mein Vater. Doch nicht weil ich deren Schutz bedürftig wäre werde ich gehen, sondern weil mir die Dünkel und Intrigen am Hofe zutiefst zuwider sind. Die hohen Herren der Elben sind träge und machtlüstern geworden. Ihre Kraft schwindet und nun klammern sie sich an jeden Strohhalm, der ihre Herrschaft noch ein wenig verlängert. Ob ihr eigenes Volk darunter leidet ist ihnen gleich.“

„Solche Zeiten hat es immer gegeben, Junge, und immer wieder gab es Frauen und Männer die dagegen aufbegehrt haben. Doch genug, ich sehe, dass dein Entschluss feststeht und ich befürworte ihn. Nun nenne dein Begehren.“ Mit diesen Worten erhob sich der alte Druide und blickte den jungen Zauberer auffordernd an.

 

Der Halbelb stand auf und ging um das Feuer herum. Er verbeugte sich vor seinem Meister und sprach die uralte Formel, die für diese Situation vorgesehen war:

 

„Wissen habe ich erworben, über die Magie gebiete ich, gelernt habe ich, mich zu gedulden und die sieben Fragen habe ich beantwortet. Ich bin dem Schatten des Todes begegnet und habe den Drachen der Erkenntnis bezwungen. Nicht länger werde ich Schüler sein, doch meines Meisters Beistand erbitte ich noch ein letztes Mal.“

 

Sofort erklang die Antwort des Alten:

 

„Wissen habe ich gegeben, den Pfad der Magie habe ich dir gezeigt, gefordert habe ich deinen Langmut und die sieben Fragen habe ich gestellt. Zurückgekehrt bist du aus der Zwischenwelt und den Zahn des Drachen hast du in meine Hände gelegt. Nicht länger wirst du mein Schüler sein, doch ein letztes Mal gewähre ich dir meinen Beistand.“

 

Nach diesen Worten umarmten sich Meister und Schüler. Dann wandte sich der alte Druide um und ging in die Höhle. Augenblicke später kam er mit einem langen Stab zurück und obwohl dichte Wolken das Licht des Mondes und der Sterne verbargen, schlug er einen Pfad ein, der ihn ein Stück den Hang des Berges hinauf führen würde, in dem seine Höhle lag. Eine gemurmelte Formel ließ die Spitze seines Stabes aufglühen und ein sanftes Licht legte sich auf den Pfad. Der Halbelb schloss sich ihm wortlos an und gemeinsam erklommen sie den Weg, den sie so oft zuvor gemeinsam gegangen waren. Nach einer Weile gelangten sie zur Baumgrenze, sie kamen aus den Schatten der Bäume heraus und folgten in der tiefen Dunkelheit der Nacht einem schmalen Grat, der sie nach etwa 500 Schritt zu einer harsch geschnittenen Kerbe in der Flanke des Berges führte. Der Druide hielt inne und wandte sich an seinen Schüler: „Nun geh vor, es sollen deine Schritte sein, die das Ziel bestimmen.“

 

Ohne zu zögern betrat der Halbelb die schmale Kluft und nach wenigen Minuten gelangte er in ein kleines Tal, das inmitten der hoch aufragenden Gipfel lag. Kurzes Gras bedeckte den Boden des Tals und in nahezu regelmäßigen Abständen ragten etliche Bäume zum Himmel auf. Es gab Eschen und Weiden, turmhohe, schlanke Nadelgewächse und ausladende Kastanien, Ahorn stand neben Birke und mächtige Buchen erhoben stolz ihre von Sternenlicht beschienenen Kronen. Einige der ältesten Bäume erreichten enorme Höhen und als der Halbelb seinen Blick an ihnen hoch schweifen ließ, sah er, dass über dem Tal kein einziges Wölkchen die Sterne verbarg. Klares, weißes Licht strahlte von den Gestirnen herab und ließ die Ränder der Blätter an den Bäumen silbrig glänzen. Obwohl der Halbelb bereits viele Nächte in diesem Tal verbracht hatte, erfüllte ihn auch dieses Mal die Erhabenheit und der Glanz seiner Umgebung mit tiefer Ehrfurcht. Eine ursprüngliche Gelassenheit stieg in ihm auf und schob Zorn und Trauer beiseite. Er nahm nicht wahr, wie sein Meister neben ihn trat, so sehr erfüllte ihn die Ruhe und Klarheit von Tal, Bergflanken, Bäumen und Sternenlicht. Hier gab es nichts, was seinen Geist störte. Der Halbelb senkte die Lider und gab sich der Magie des Tales und seinen eigenen arkanen Kräften hin. Dann durchmaß er mit langsamen Schritten das Tal, gefolgt von seinem Meister und wandte sich mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung, scheinbar getrieben von einer unsichtbaren Macht. Immer wenn er in die Nähe eines der großen Bäume gelangte, hielt er kurz inne und schien Zwiesprache mit seiner Umgebung zu halten. So verging eine ganze Weile und immer tiefer gelangten Schüler und Meister in das Tal. Mit jedem Schritt näherten sie sich seinem Zentrum. Ab und an legte der alte Druide seinem Schüler die Hand auf die Schulter und durch ihre Verbindung erfühlte der mächtige Elbenzauberer, dass der Weg noch nicht beendet und die Wahl noch nicht getroffen war.

 

Der Druide kannte alle Bäume dieses Tales, waren sie es doch, unter denen die alten Lehrer und ihre Magiebefohlenen die endlos scheinenden Stunden des Lehrens und Lernens verbrachten. Doch dieses Mal war die Situation eine andere. Es galt, die letzte Prüfung zu bestehen und entweder war es einer der Bäume, der sterben musste, um eine neue Aufgabe zu erfüllen, oder aber der alte Elb würde alleine, ohne seinen Schüler aus dem Tal heraus treten.

 

Als sie das Zentrum des Tales erreichten, stutzte der Alte. Selbst in seinem langen Leben als Zauberer und Lehrer war es nur zwei Mal vorgekommen, dass ein Schüler den Hain über dessen Zentrum hinaus durchschritt. Nur wenigen Magiern der Elben war es überhaupt vergönnt gewesen, bis zum Zentrum des Tales zu gelangen. Der alte Druide erinnerte sich an die Legenden von den wenigen Magiekundigen, die das bevorstehende Ritual jenseits des Zentrums ausgeführt hatten. Den meisten von ihnen war ein furchtbares Schicksal zuteil geworden und einige galten als Geißeln des Lebens. Doch ebenso waren einige unter diesen zwei Hand voll Auserwählten, die ruhmreiche Taten vollbracht hatten und zu den Gegenspielern dieser Geißeln wurden. Ausnahmslos alle waren aber Magier, Zauberer oder Druiden, denen eine besondere Kraft innewohnte.

 

Immer tiefer gelangten die beiden Magieanwender in den rückwärtigen Teil des Tales, bis der Halbelb schließlich lange Zeit vor einer der älteste Buchen stehen blieb, die das Tal beheimatete. Wieder legte der alte Druide seinem Schüler die Hand auf die Schulter, wohl wissend, dass der Baum, vor dem sein Schüler nun stand als einer der stärksten und machtvollsten galt. Er war zugleich beeindruckt von dieser Wahl, die sowohl durch die Magie der Elbenbuche als auch durch die arkanen Kräfte desjenigen Zauberers bestimmt wurden, der das Ritual durchführen wollte, als auch erschrocken, da neben der Macht des Baumes auch seine Unberechenbarkeit allzu bekannt war. Oft hatte er Stunden unter seinen Ästen verbracht und unterrichtet und immer waren er und die anderen Lehrer, sowie deren Schüler von der gewaltigen Kraft der Buche beseelt gewesen. Bisweilen jedoch hatte der alte Baum auch die Sitzungen selbständig unterbrochen, indem er große, gesund erscheinende Äste zwischen die Elbenmagier und ihre Schüler regnen ließ.

 

Doch diesmal waren die arkanen Ströme, die er spürte von anderer Natur. Offensichtlich fand ein stummes Zwiegespräch zwischen dem Halbelben und dem Baum statt und ebenso deutlich fühlte der alte Elb, wie sein Schüler alle seine Kraft benötigte, um die Prüfung durch den Baum zu bestehen. Der Druide sorgte sich um seinen Schützling, denn er erinnerte sich plötzlich daran, dass es bereits einmal einen jungen Magier gegeben hatte, der bei dem Ritual der Stabeswahl bis zu diesem Baum vorgedrungen war. Dieser Elb hatte, obgleich er als hoffnungsvoller Magier galt, die Prüfung nicht überlebt und nun ruhte sein Geist in dem mächtigen, hohen und seltsam verdrehten Stamm, während seine Gebeine längst zwischen den Wurzeln der Elbenbuche verrottet waren.

 

Plötzlich veränderten sich die Magie, die nun rund um die beiden Magiekundigen und den Baum die Luft zum flimmern brachte und der Halbelb brach in die Knie. Mit schmerzverzerrtem Gesicht bebte er am ganzen Körper und leise geflüsterte Worte in der Hochsprache der Elben drangen über seine trockenen Lippen. Dann legte sich das Zittern und die Ruhe kehrte in den Sohn der Fürstennichte zurück. Langsam richtete er sich auf und erhob sich, bis er hoch aufgerichtet und voller Ruhe zwischen Baum und Meister stand. Dann hob er seinen rechten Arm und legte ihn an die Rinde der Buche. Der alte Druide trat einen Schritt zurück und im nächsten Moment erstarb jedes Geräusch in dem Tal. Kein Blatt bewegte sich mehr, nicht einmal ihr Atmen war zu hören, so sehr hatten sich die arkanen Kräfte verdichtet, dass sie alle anderen Regungen in der Umgebung des alten Baumes zum erliegen brachten.

 

Die Zeit schien still zu stehen, als hätte alles Lebendige den Atem angehalten. Die uralte Buche und der Halbelb schienen für einen Augenblick die magische Nabe zu sein, um die herum sich die Sterne drehten, deren Licht nun das gesamte Tal ausfüllte. Im nächsten Moment implodierte die verdichtete magische Kraft und sammelte sich in dem jungen Zauberer. Mit flinken Händen nahm er das Bündel von seinem Rücken, wickelte die mächtige Kampfaxt seines Vaters aus und schwang sie mit einem weit ausholenden Schlag gegen den Stamm der Buche. Tief drang der Stahl in den Baum und als würde die Buche das Vorhaben des Halbelben unterstützen, löste sich die Axt spielerisch leicht, bevor sie zum nächsten Schlag geschwungen wurde. Erfüllt von der Kraft des Baumes schlug der Halbelb sieben Mal zu, dann neigte sich der Baum und senkte sich zunächst langsam, dann immer schneller dem Erdboden zu. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen schlug die Buche auf und im nächsten Moment erwachte rings herum die Welt wieder zum Leben. Der Wind strich durch die Blätter, die Äste bewegten sich sanft und auch von dem alten Druiden, der den Fall des Baumes starr und stumm beobachtet hatte, fiel die paralysierende Wirkung des Rituals ab.

 

Bedächtig näherte sich der Elb seinem Schüler, der nun ermattet neben dem Stamm kniete und seine Hände um das Holz geschlungen hatte. Sachte legte der Druide die Hand auf das Haupt des Halbelben, der seine Stirn gegen die Rinde des Baumes gepresst hatte. Als würde er erwachen hob der junge Magier den Kopf und blickte seinen Mentor mit tränenfeuchten Augen an. „Du hast die Seele des Baumes erhalten, nun vollende dein Werk.“ erinnerte der Druide.

Zitternd erhob sich der Halbelb und griff nach der Axt seines Vaters, die neben ihm im Gras gelegen hatte. Er stieg auf den Stamm, mit Blick auf die Baumkrone, murmelte eine leise Formel des Dankes an die Buche und hob die schwere Doppelaxt über den Kopf. Gleißendes Licht sammelte sich plötzlich in der Schneide der Axtklinge und mit einem hohen, melodiösen Ton ließ der Halbelb das Axtblatt in die Längsseite der Buche fahren. Mit einem scharfen Knall schlug die Axt durch die Rinde und spaltete den Baum der Länge nach bis in die mächtige Krone. Ein sanftes Vibrieren durchfuhr den Baum und als würde sich der Stamm bereitwillig teilen, öffnete sich die Lücke immer weiter.

 

Die einstmals mächtige Axt lag mit zersplittertem Schaft und geborstenem Blatt im Gras und Schüler und Lehrer betrachteten staunend den Schatz, den der Baum nun freigegeben hatte. In der Mitte der linken Baumhälfte lag ein unsagbar fein gemaserter, etwa drei Schritte langer Stab. Der Halbelb beugte sich darüber und löste ihn sanft mit der feinen Klinge seiner Mutter aus dem umgebenden Holz. Augenblicke später durchzitterte ein Beben den am Boden liegenden Buchenstamm und der ehemals edle und uralte Baum zerfiel zu Staub. Nur noch ein unbearbeiteter langer und gerader Stab war von der Buche übrig geblieben.

 

Der alte Druide beobachtete den Halbelben prüfend, als er sagte: „Ich denke, du bist dir dessen bewusst, was du da in Händen hältst. Die Wahl ist mehr als erstaunlich.“

 

„Der Baum rief mich, Meister. Und er prüfte mich.“ antwortete der Halbelb.

 

„Ich habe es gesehen und werde es bezeugen, Junge.“

 

Der Alte stutzte und fuhr dann fort: „Obwohl ich dich wohl nicht mehr so nennen sollte.“

 

Ein Lächeln stahl sich in die Züge des Halbelben und wieder betrachtete er den Stab in seinen Händen: „Ich bin noch nicht fertig, Meister.“

 

„Nein, du solltest dem Stab seine endgültige Form und einen Namen geben.“

 

Der Druide stieß seinen eigenen, sanft leuchtenden Stab in die Erde und setzte sich ins Gras, gefolgt von dem Halbelben, der nun wieder die Klinge seiner Mutter hervor nahm und sie sanft an dem Stab ansetzte. Voller Konzentration und in der Hochsprache vor sich hinmurmelnd fing er an, das obere Ende des Stabes mit Runen und Symbolen zu verzieren. Das Holz war schneeweiß und wies eine feine Maserung auf, die Ruhe und Gelassenheit vermittelte, wenn man sie sich genauer ansah, doch dann wand sich der Stab urplötzlich in der Hand des Halbelben und er glitt mit dem scharfen Dolch ab. Quer über den linken Handrücken verlief ein tiefer Schnitt, aus dem das Blut des Magiers schoss und über dem Stab lief. Sofort drang die tiefrote Flüssigkeit in den Stab ein und verteilte sich entlang der Maserung über dessen gesamte Länge, so dass ein feines, spiralförmiges Muster aus weißen und roten Streifen entstand. Mit aufgerissenen Augen starrten Meister und Schüler auf den sich verändernden Stab. Dann zogen sich die Wundränder auf dem Handrücken des Halbelben plötzlich zusammen und auch der Stab wies wieder eine trockene, seidig glatte Oberfläche auf. Auf diese Weise sorgte der Stab selbst dafür, dass er sich mit der Magie und der Seele seines Besitzers verbinden konnte. Der Halbelb fühlte sofort die arkane Verbindung, die er von nun an zu dem Stab haben würde.

 

„Die Buche hat nicht nur gegeben, sie hat auch genommen.“ sagte der alte Druide, „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

 

Der Halbelb schaute auf und sein Blick wanderte zwischen dem Stab und seinem Meister hin und her, dann sagte er nur ein Wort: „Ferenagar“

 

„Buche des Blutes“, der Druide lächelte sanft, „ein passender Name für diesen Stab.“

 

Der Halbelb nickte und beendete konzentriert sein Werk, in dem er die Spitze des Stabes formte. In der Morgendämmerung brachen Meister und Schüler auf und verließen das Tal. Sie gingen gemeinsam zu der Höhle des Alten und dort verabschiedeten sie sich. Anschließend verließ der Halbelb die Länder der Elben, überquerte den großen Fluss Gelion und machte sich auf eine weite Reise.“

 

Mit diesen Worten beendete Istharion die Geschichte und nahm einen langen Zug aus seinem Bierkrug. Schweigen breitete sich am Tisch aus bis Lar Tmava auf ihre unnachahmliche Art fragte: „Und dann, wie geht es weiter, wie kam Surkhelas in den Besitz des Stabes? Surkhelas ist doch kein Halbelb.“

Istharions Mund verzog sich zu einem Grinsen und er erwiderte: „Es ist spät, Lar. Wärest du mit einer Zusammenfassung zufrieden?“

Lar grummelte, dass sie ja nicht neugierig sei, aber dass sie das so gern noch etwas mehr erfahren würde, woraufhin Ivorwen sie unterstützte, in dem sie Istharion in die Seite knuffte. Daraufhin erzählte Istharion mit kurzen Worten wie es dem Halbelben weiter erging:

 

„Irgendwann, nach vielen Jahren und Jahrzehnten des Wanderns und ungezählten Abenteuern gelangte der Halbelb nach Mirimotha, in die hiesigen Lande. Dort schloss er sich den Dunklen Magiern an, denn immer noch lag der Schatten des Mordes an seinen Eltern auf seiner Seele. Als er nach seinem Namen gefragt wurde, gab er an, dass er Thargelion hieße. Thargelion bedeutet „Jenseits des Gelion“ und bezeichnet das Gebiet, aus dem der Halbelb stammte. Niemals wieder nannte er den Namen, den er noch als Schüler trug. Er durchreiste alle bekannten Regionen Mirimothas und erwarb Wissen und Macht, doch irgendwann wog der Schatten auf der Seele des Halbelben zu schwer und sein Geist verließ die sterblichen Lande um in das jenseitige Reich der Elben zu gehen. Vorher jedoch übergab Thargelion den Stab Ferenagar an seinen Freund und Kampfgefährten Surkhelas, damit ihm dieser als Waffe diene. Dabei führten beide ein Ritual durch, dass auch das Blut und die Magie Surkhelas' an den Stab band, so dass dieser durch den menschlichen Zauberer verwendbar wurde.“

 

Istharion stockte kurz und sammelte sich, er schaute seinen Freunden tief in die Augen, bevor er fortfuhr:

 

„Dann übergab mir Thargelion in einem geheimen Ritual einen Teil seiner Seele, bevor er starb. Ich bettete seinen Körper in einen offenen Sarkophag tief unter der Festung der Dunklen Magier. Dort blieb er unangetastet ohne Verfall, bis Thargelion vor ein paar Jahren zurückkehrte.“

 

Staunend starrten einige der Zuhörer Istharion an, während Melyanna ein feines Lächeln zeigte und Barisna und Stoachan versonnen in ihren Erinnerungen an die gemeinsamen Tage mit Thargelion schwelgten. Lars Augen weiteten sich als plötzlich eine Sternschnuppe durch ihren Geist zog: „Du meinst, Thargelion ist …. ?“

 

„Ja, Lar“, antwortete Istharion, „Thargelion ist jetzt der Herr der Festung.“

 

 

...

 

 

 

 

- Ferenagar - Buche des Blutes -

(Beschreibung)

 

 

Die Seele eines Baumes ist den Elben heilig und obwohl die meisten Waffen ihrer Waffen aus edlen Hölzern gefertigt sind, ist es doch äußerst selten, dass sie einen lebenden Baum fällen um eine Waffe herzustellen. Die Waffen aus dem Herzen eines der alten Elbenbäume sind unbeschreiblich mächtig und starke Zauberkräfte wohnen in ihnen. Sämtliche dieser Waffen haben eine eigene Geschichte und ebenso verhält es sich mit dem Stab der einst von Thargelion angefertigt wurde. Nach der Verbannung durch einen Elbenfürsten schloss Thargelion seine Ausbildung in den magischen Künsten bei seinem Meister ab und führte das Ritual der Stabeswahl an einem der Bäume des heiligen Hains durch. Es war eine besondere Wahl, weil die uralte Buche selbst den Wunsch hatte, dem Halbelben als Waffe zu dienen. Es war derselbe Baum, unter dem er oft mit seinem Meister gesessen und diesem zugehört hatte. Für Thargelion war es in großes Geschenk, konnte er so doch ein Stück seiner Heimat in eine ungewisse Zukunft mit sich tragen. Also führte er unter Anleitung des mächtigen Elbenzauberers die notwendigen Rituale durch und befreite einen langen Stab aus dem Herzen des Baumes. Der Stab war aus fast schneeweißem Holz, aber als TharGelion die Klinge ansetzte um dem Stab seine endgültige Form zu geben, bewegte sich das Holz und der Halbelb glitt mit dem Messer ab und schnitt sich tief in die Hand, mit der er den Stab hielt. Doch kein Tropfen des Halbelbenblutes traf den Boden, denn der Stab sog es auf und Thargelion konnte zusehen, wie es in die Fasern des frischen Holzes eindrang. So erhielt der Stab die zarten, blutroten Streifen und damit auch einen Teil der Magie des Halbelben. Thargelion wusste von da an immer, wo sich sein Stab befand und niemand anders war dazu in der Lage, den Stab zu führen. Der Stab selbst war eine mächtige Waffe, biegsam und fest zugleich, leicht und beweglich und nie verfehlte der Halbelb sein Ziel, wenn er den Stab gebrauchte. Thargelion trug den Stab, bis er das Ziel seiner Reise erreicht hatte und als er an den Tagen des Abschieds bei seinen Freunden saß, nahm er den jungen Zauberer Surkhelas beiseite und erzählte ihm die Geschichte seiner Waffe. Dann nahm er die Hand von Surkhelas und schnitt dem Zauberer mit seinem Messer in die Handfläche. Thargelion sah Surkhelas tief in die Augen, nahm den Stab Ferenagar und schloss Surkhelas' Hand um die Waffe. Nun drang auch das Blut des Menschen in den Stab ein, der Thargelions Wunsch verstanden hatte und so vermischte sich die Magie von Surkhelas mit der des Halbelben Thargelion und der Magie des Buchenstabes. Wenige Tage danach ist Thargelion in den Westen gereist, um das ewige Land der Elben zu erreichen, in dem er keine Waffen brauchte. Surkhelas aber behielt den Stab Ferenagar und der Stab aus dem Herzen eines heiligen Elbenbaums dient ihm auch heute noch als Waffe. Die Schwesterwaffe von Ferenagar ist Istharions Schwert Thiliarga und obwohl die beiden Waffen für sich allein gesehen schon eine furchtbare magische Kraft bündeln, verstärkt sich deren Macht noch, wenn sie gemeinsam auftreten, um dem Zorn der Finsternis zu begegnen. Stab und Schwert, verbunden durch Blut und Freundschaft und einen gemeinsamen Zauber, der die Dunkelheit zurückdrängt. Auta i lome! - Die Nacht vergeht!