- Das Schwert -

 

 

1. Kapitel - Mithril

Die Kopolaspinne war tot und TharGelion saß keuchend auf dem Boden. Der Kampf war lang und kräftezehrend gewesen und Thar brauchte zwei dunkle Heilzauber, um seine schweren Wunden zu versorgen.

„Diese Viecher lass ich in Zukunft in Ruhe, zumindest vorerst.“ dachte er bei sich. „Dieses verdammte Netz ist es einfach nicht wert.“

Thar hatte vorgehabt, das Netz der Spinne zu erbeuten, um einen Kämpfer, der ihn vor kurzem bestohlen hatte, an einen Ort zu fesseln, um ihm dann den Rest zu geben.

Immer noch um Atem ringend, konnte er zusehen, wie die Heilzauber ihre Wirkung entfalteten und sich Thars Wunden schlossen. Auch das Spinnengift in seinem Körper wurde durch die Heilzauber neutralisiert.

 

Während er noch da saß und die wohltuende Wirkung der Zauber genoss, fiel sein Blick auf das Nest der Spinne. Etwas blinkte dort und Thar stand auf um es sich näher anzusehen. Vorsichtig näherte er sich dem Nest, immer auf der Hut vor der eventuell auftauchenden Brut der Kopolaspinne. Als er das Nest durchsuchte stieß er auf einige Goldstücke und dann, zu seiner großen Überraschung auf einige Rüstungsteile und Bruchstücke von Waffen. Das wäre nun eigentlich nichts Besonderes gewesen, wären nicht einige der Stücke aus Mithril gewesen. Dieses Metall hatte er in ganz Mirimotha noch nicht angetroffen und er wusste sofort, dass es einem Elben gehört haben musste, der vor langer Zeit wie TharGelion aus dem Westen gekommen war. Offensichtlich hatte der Elb gegen eine der gefürchteten Spinnen sein Leben verloren und lediglich einige Teile seiner Rüstung und die Klinge seiner Axt war übrig geblieben. TharGelion sammelte die wertvollen Stücke ein und verstaute sie in seinem Rucksack.

Gedanken schossen ihm durch den Kopf – Träume, die er schon lange hatte. Immer wieder hatte er sich im Schlaf selbst gesehen. Sich und eine gleißende Klinge. Ein Schwert, nach dem er suchte und von dem er wusste, dass er es eines Tages führen würde. Er hatte überall nach dieser Klinge gesucht, fest in dem Glauben, sie würde existieren und ihm als Beute oder bei einem Händler in die Hände fallen.

Nun, als er die Mithrilstücke in den Händen hielt, Gegenstände, die von seinen Vorfahren und Brüdern gefertigt worden waren, wusste er, was seine Träume zu bedeuten hatten – die Klinge existierte nicht – sie war noch nicht geschmiedet – die Erschaffung des Schwertes lag noch in der Zukunft.

Und er wusste, dass er selbst dieses Schwert fertigen musste, mit seinem Blut, seiner Kraft, seinem Geschick und vor allem seiner Magie.

Das Mithril, dass er gefunden hatte war das erste Zeichen. Aber er brauchte noch weitere Stoffe für dieses Schwert. Und er brauchte Hilfe.

 

2. Kapitel - Thaladil

Thar verließ die Höhle der Spinne und wanderte gedankenversunken durch das Tal der Ruinen. Mithril war nicht einfach zu verarbeiten – er brauchte das heißeste Feuer, das es in Mirimotha gab. Und er brauchte reinen Stahl.

Auf seinem Weg Richtung Süden traf er auf Thaladil, der auch Taurus genannt wurde, einen dunklen Magier, der in demselben Orden war, wie TharGelion. Thaladil war der mächtigste der Dunklen Magier in ganz Mirimotha und für TharGelion jemand, den er einerseits als Freund bezeichnen konnte, der ihm aber andererseits auch immer wieder Rätsel aufgab.

Groß gewachsen, über sieben Fuß, war Taurus dabei von sehr schmaler, fast langgestreckter Gestalt und aus der Ferne hätte man vermutet, einen langen, aber schmächtigen Menschen zu treffen. Näherte man sich ihm aber, konnte man erkennen, dass er nur so vor Kraft strotzte. Seine fahlweiße Haut war gezeichnet von unzähligen Kämpfen und seine Augen leuchteten in einem kränklichen grün. Überall an seinem ausgezehrt wirkenden Körper sah man die Nachwirkungen des Einsatzes von mächtiger und dunkelster Magie. Gekleidet war Thaladil in eine grüne Robe, die auf Höhe des Zwerchfells endete und die Brust freiließ. Darüber trug er einen ebenfalls grünen Umhang, über dem seine langen schlohweißen Haare auf den Rücken fielen. Seine Bewaffnung bestand aus einem zeremoniellen Krummschwert, dass er verzaubert hatte und das ihm den Magierstab ersetzte und einem mächtigen, schweren Kampfstab. Ganz aus Eisen und anderen Metallen geschmiedet und mit einer wuchtigen Spitze versehen, war dieser Stab eine Waffe, die weithin gefürchtet war und die wohl schon alleine aufgrund ihres Gewichtes von kaum einem anderen Magier oder Krieger in Mirimotha genutzt werden konnte.

Thaladil war als Gegner weithin gefürchtet und galt als zuverlässiger Freund, der bisweilen allerdings zu Launigkeit und Jähzorn neigte. Selbst seine engsten Freunde gingen ihm aus dem Weg, wenn die dunkle Magie, die er ausübte, ihren finsteren Tribut von seiner Seele forderte. Thaladil gehörte aber auch zu den erfahrensten Gefährten, die man sich wünschen konnte und Thar beschloss, ihn um Hilfe zu bitten.

„Aiya, Thaladil!“ rief Thar als er nah genug war.

„Aiya, TharGelion!“ erwiderte Thaladil den Gruß, „was gibt’s?“

Mit einem Handschlag begrüßten sie sich und Thar bat Taurus, mit ihm eine Rast einzulegen.

Nachdem sie ein kleines Feuer entfacht hatten, dass wenig Rauch abgab, aber genügte um etwas Brot zu rösten setzten sie sich zusammen und Thar begann, Thaladil von seinem Fund in der Spinnenhöhle zu erzählen. Er sprach von dem unermesslichen Wert des Mithrils und erzählte Taurus von der Klinge in seinen Träumen. Thaladil hörte geduldig und interessiert zu, als Thar ihm von den verschiedenen Stoffen erzählte, die er für das Schwert benötigte – natürlich das Mithril, reiner Stahl, Quarz und die Haut und Zähne eines roten Sandhundes, sowie einiger anderer Komponenten. Zwei Dinge ließ Thar allerdings aus, weil er nicht wusste, wie Thaladil darauf reagieren würde.

Außerdem wusste Thar immer noch nicht, wo er das Feuer finden sollte um die Klinge schmieden zu können, also fragte er Thaladil danach: „Kannst du mir sagen, wo das heißeste Feuer in Mirimotha brennt? Heißer als die Essen in den Schmieden der Menschen und Onlos.“

Thaladil lachte: „Weißt du das denn nicht? Es gibt nur einen Ort, an dem du so ein heißes Feuer finden kannst. Der Vulkan. Aber da kannst du natürlich nicht schmieden.“

„Du hast recht!“ rief TharGelion, „auf den Vulkan hätt ich selber kommen müssen. Ich war vor lauter Mithril und Träumen zu verwirrt zum Denken!“

Thaladil grinste Thar an: „Der Vulkan bringt dir nichts, das ist keine Schmiede und die Wächter werden dich nicht in Frieden arbeiten lassen und so einfach hinein kommst du auch nicht aber ich habe eine Idee.“

„Sag schon“, drängte Thar.

„Die Grotte beim Vulkan. Dort gibt es einen Eingang, der sich mit einem Edelstein öffnen lässt, dem Stein des Lichts, der Weg führt ins innere des Vulkans.“ erklärte Thaladil.

„Das könnte eine Möglichkeit sein“, sinnierte Thar, „aber diesen Stein hab ich nicht.“

„Da drinnen kannst du auch nicht schmieden, Thar. Riesige mächtige Dämonen warten dort und sie sind unermesslich stark. In ihren Eingeweiden brennt ein furchtbares Feuer, dass du bergen musst, aber auch dafür gibt es vielleicht eine Lösung“, sagte Thaladil mit zusammengezogenen Augenbrauen und zögerte.

Thar sah Thaladil fragend und gespannt an, schwieg aber.

Dieser sagte nach einiger Zeit nur ein Wort: „Starre.“

„Starre?“ fragte TharGelion zweifelnd.

„Ja,“ grinste Thaladil „wenn du einen der Dämonen mit einem Starrezauber belegst, bevor du ihn tötest und diesen Zauber immer aufrecht erhältst, kannst du die Eingeweide bergen und mit ihnen eine Esse entfachen.“

„Meine Starrezauber werden nicht lang genug halten, dazu sind sie nicht stark genug.“ warf TharGelion ein und blickte grübelnd ins Feuer.

„Aber meine sind es.“ sagte Thaladil. Thaladil gehörte zu den mächtigsten Dunklen Magiern, die jemals in Mirimotha gewandert waren und es war allgemein bekannt, dass der Starrezauber zu seinen bevorzugten Kampfmitteln zählte. Er hatte sie bis zur Perfektion weiterentwickelt und flüsterte Thar nun zu: „Ich habe eine Möglichkeit gefunden, die Dauer und Intensität der Starre zu kontrollieren – allerdings funktioniert das bisher nur bei den seelenlosen Wesen. Ich werde dir helfen.“

Erstaunt sah Thar zu Thaladil hinüber, der ihn über die kleinen Flammen des Lagerfeuers hinweg anschmunzelte.

Thar wusste, dass ihm Thaladil gerade großes Vertrauen entgegengebracht hatte, weil es bisher als unmöglich galt, den Starrezauber so zu verändern. Das war ein großes Geheimnis und TharGelion war sich bewusst, dass Thaladil mit diesem Wissen bestimmt nicht leichtfertig umgehen würde.

„Ich danke dir sehr“, sprach TharGelion, „ich werde mich bei dir melden, wenn ich die anderen Bestandteile für das Schwert zusammen habe. Allerdings ist es wohl so, dass ich das Schwert alleine, ohne andere Menschen, schmieden muss.“ Das war zwar nicht vollkommen wahr, aber TharGelion konnte und wollte Thaladil nicht mehr sagen, damit dieser ihm keine Fragen stellte.

Doch Thaladil winkte ab: „Kein Problem, wir treffen uns an der Grotte, holen uns den Dämon und ich leg ne Starre auf ihn, danach verschwinde ich und du kannst die Starre dann mit deinen eigenen Zaubern verlängern – ich erklär dir dann wie es funktioniert. Nur der erste Zauber muss von mir sein, dass ist das wichtigste dabei.“

Anschließend sprachen die beiden noch über einige Geschehnisse und Abenteuer, die sich in der jüngsten Zeit in Mirimotha ereignet hatten, bevor sie sich schlafen legten.

 

3. Kapitel – Nach Mentoran

Als der nächste Morgen dämmerte wachte TharGelion auf. Es war kalt geworden und er fühlte sich klamm und feucht unter seiner Decke. Thaladil war verschwunden, wie es seine Art war und hatte keine Spuren seiner Anwesenheit hinterlassen. Hätte Thar den mächtigen Dunkelmagier nicht so gut gekannt, hätte er die Ereignisse des gestrigen Abends und das Gespräch für einen Traum gehalten.

Er rappelte sich auf und packte seine Sachen, begierig darauf, möglichst schnell sämtliche Teile für das Schwert zusammen zu bekommen.

 

TharGelion wanderte Richtung Süden und verstaute auf dem Weg nach Mentoran das gefundene Mithril in einem Schließfach der Bank aller Wesen. Dort war es sicher, hoffte er.

Außerdem traf er das Einhorn Unicon und erzählte ihr von seinem Fund und den Plänen, die er damit hatte. Unicon kannte Thars Träume, hatte er seiner besten Freundin doch schon oft davon erzählt. Doch auch ihr erzählte TharGelion nichts von den beiden Komponenten, die er Thaladil gegenüber nicht erwähnt hatte. Noch nicht.

Elenril, wie Thar Unicon am liebsten nannte, hatte jedoch viel zu tun und wanderte lediglich gemeinsam mit ihm bis in den Norden Reikans, wo sie zur großen Börse nach Osten abbog während TharGelion weiter Richtung Süden wandern wollte.

„Elenril, sprich bitte zu niemandem von meinen Plänen.“ bat Thar sie, bevor sie sich verabschiedeten.

Das große Einhorn sah ihn verwundert und etwas beleidigt an: „Du weißt genau, dass du mir Vertrauen kannst, Thar, warum sagst du so etwas?“

Misstrauisch blickte Unicon Thar aus ihren dunklen Augen an und versuchte, in Thars Gesicht nach Zeichen zu suchen, die ihr seine seltsame Stimmung erklären könnten.

„Tut mir leid, Elenril“, sagte er leise „aber ich bin so nah an der Erfüllung meiner Träume, ich hab Angst, dass etwas schief gehen könnte. Und ich brauch dich, wenn ich das Schwert schmiede.“

Unicon sah Thar etwas skeptisch an, stellte aber keine weiteren Fragen. Sie wusste, dass Thar sie sehr gern hatte und vertraute ihm. Thar war seiner Freundin dankbar und erleichtert darüber, dass er ihr noch nicht erzählen musste, was er von ihr wollte.

Er legte die Arme um den glänzenden Hals des Einhorns und Elenril rieb ihre Wange an seiner Schulter.

„Ich sehe dich“, sagte Unicon, „komm bald zurück.“

„Ich werde dich finden“, antwortete Thar und lächelte.

„Das hast du bisher noch nie geschafft“, lachte das Einhorn, „bisher war ich immer schneller als du.“

Unicon knuffte Thar mir ihrem Kopf, bedacht darauf, ihn mit dem gefährlichen Horn auf ihrer Stirn nicht zu verletzen, stieg auf den Hinterläufen hoch und wieherte laut, dann wendete sie auf der Hinterhand und galoppierte nach Osten.

„Aiya, Elenril!“ rief TharGelion so laut er konnte, wie so oft tief beeindruckt von der Kraft und Eleganz des edlen Wesens.

Dann wandte er sich nach Süden und setzte seinen Weg fort.

 

Die Reise verlief sehr angenehm, auch wenn nur ein Trockenwurm als größerer Gegner auftauchte, wobei das „größer“ eher auf die Menge der Beute, als auf die von dem Wurm ausgehende Gefahr gesehen werden kann. Den Wurmpanzer im Gepäck wandte sich TharGelion nach Osten, als er die Wüste erreichte und kam bis ins Dorf der Nomaden. Die Hitze der Wüste war das größte Übel, dass ihm bisher begegnet war und so erholte er sich zunächst bei den Nomaden, die ihm ihr bekanntes Brot und viel Wasser reichten. Bei den Nomaden verkaufte er auch den Trockenwurmpanzer und erstand im Gegenzug eine ausreichende Menge reinen Quarzes.

Mit einem der Dorfältesten sprach TharGelion am Abend: „Ältester, ich brauche Stahl. Reinen Stahl, wie er für die gefürchteten Krummschwerter aus den vergangenen Zeitaltern verwendet wurde.“

Der Alte lachte aufgeregt: „Hah, du willst gefalteten Stahl. „Junge“, so nenne ich dich, obwohl ich an deinen Augen sehen kann, dass du älter bist als ich, Halbelb. Aber weil du mir eine solche Frage stellst, kannst du nicht die Weisheit des Alters haben. Es gibt keine gefalteten Klingen mehr und auch das Wissen über ihre Herstellung ist verloren gegangen. Schon vor langer Zeit.“

„Ich brauche den Stahl, nicht die Klinge, Alter.“ sagte TharGelion freundlich lächelnd.

Ruhiger nun sprach der alte Mann weiter: „Auch das ist schwierig, die letzten Barren des Stahl liegen im Wüstentempel, südlich von hier, aber da kommst du nicht rein. Und kaufen kannst du ihn auch nicht. Der Tempel ist verflucht und nichts lebt dort und keine lebenden Wesen gehen dort hin.“

 

4. Kapitel - Sandhunde

Grübelnd verließ TharGelion das Dorf am nächsten Morgen und wandte sich zunächst nach Norden um durch die eine Schlucht in die Gebiete zu gelangen, die das Östliche Wüstenland genannt werden und die als Revier der roten Sandhunde gelten. Nachdem er einige Zeit gewandert war, immer auf der Hut vor den gefährlichen Bestien, vernahm er aus der Ferne Kampfgeräusche – das wilde Bellen zweier Sandhunde und die hohe Stimme einer Frau.

Thar lief los und bereitete schon einen Feuerball vor, während ihn seine Schritte näher an den Schauplatz des Kampfes brachten.

Mit dem Rücken zur Felswand kämpfte eine hübsche junge Frau gegen die Sandhunde, von denen einer, offensichtlich mit zerschmetterten Vorderläufen, am Boden lag und wild bellte, während der andere gerade zum Sprung an die Kehle der Kämpferin ansetzte. Thar konnte den Feuerball nicht werfen, da er damit auch das Mädchen verletzen würde und beschleunigte noch weiter.

Doch seine Hilfe wäre so oder so zu spät gekommen – die Bestie sprang und flog mit weit aufgerissenem Maul auf die Kämpferin zu. Das Mädchen drehte sich aber geschickt unter den gefährlichen Fängen weg, wirbelte mit wehenden roten Haaren um die eigene Achse und ließ ihren Kampfstab mit unglaublicher Wucht zwischen die Kiefer des Hundes krachen.

Thar konnte den Schädel des Sandhundes brechen hören und sah, wie das Tier mit einem dumpfen Laut aufschlug. Es regte sich nicht mehr und war offensichtlich schon tot, bevor es den Boden berührt hatte. Die Frau drehte sich um und ging lässig zu dem anderen Tier, das nun wild heulte, als würde es um den Verlust seines Gefährten trauern. „Ruhe jetzt!“ sagte das Mädchen und jagte dem Tier einem kurzen aber starken Manastoß direkt in die Augen. Der Hund war bereits durch die Verletzungen geschwächt und nun sofort tot.

Jetzt erst sank die Frau auf die Knie und ließ den Kopf sinken, so dass ihre langen roten Haare nach vorne fielen und ihr Gesicht verdeckten.

Thar war nun heran und sprach leise zu dem Mädchen: „Aiya, gut gekämpft! Kann ich dir helfen?“

Die Frau hatte TharGelion bisher noch nicht bemerkt und ließ sich erschrocken zur Seite fallen, um einem Angriff vorzubeugen – dann sah sie Thar an und ihr Gesicht erhellte sich: „TharGelion – hast du mich jetzt erschreckt!“

Thar erkannte die Frau nun auch. Unter der Schicht aus Beduinenkleidern und Sand lachte ihm Eowens Antlitz entgegen und er sagte grinsend: „Aiya, Eowen! Noch mal - gut gekämpft“

 

5. Kapitel - Eowen

Eowen war ebenfalls ein Mitglied des Heren Ar-Istarion und eine gute Freundin Thars, der sich sofort zu ihr herunter beugte und sie untersuchte. Eru sei dank, hatte sie keine schlimmen Verletzungen davon getragen und Thar rief nun einen Regen der Heilung herbei, der die Wunden wegwusch und beide erfrischte.

„Was tust du hier?“, fragte Eowen.

TharGelion verzog den Mund zu einem gequälten Grinsen und zögerte einen Moment. Sollte er es sagen? Er kannte Eowens stürmische Art und ihre Begeisterung für Abenteuer, die sie schon das ein oder andere Mal in Schwierigkeiten gebracht hatten. Andererseits hatte er etwas vor, von dem er noch nicht so genau wusste, wie er es durchführen sollte und vielleicht war dieses Treffen ja eine ebensolche Fügung, wie der Fund des Mithrils oder der Rat und die Hilfe Thaladils. Außerdem, schoss Thar ein Gedanke durch den Kopf, war es möglich, dass ihm Eowen aufgrund ihrer zierlichen Gestalt eine große Hilfe sein konnte. Er blickte Eowen ernst an, die nun ungeduldig auf ihrer Unterlippe kaute, weil sie gemerkt hatte, dass Thar unschlüssig war. Dann sagte er leise: „Ich will in den Wüstentempel einbrechen.“

„Was?“ rief Eowen, „bist du verrückt?“

TharGelion schaute sie einfach nur an, ahnend, was als nächstes kommen würde.

„Ich will mit“ haspelte Eowen, die vor lauter Aufregung aufgesprungen war, „egal was du da drin willst, ich will mit.“

„Langsam, langsam“ sprach Thar mit ernster Stimme, „setz dich mal wieder hin, oder noch besser, wenn du dich gut genug fühlst, dann lass uns diese Viecher von ihrem Fell und ihren Fängen befreien und anschließend einen Platz für ein Lager suchen.“

Mit diesen Worten stand er ebenfalls auf und ging zu dem Sandhund, den Eowen zuerst getötet hatte. Er untersuchte zuerst das Maul und stellte fest, dass die Zähne des Hundes trotz des wuchtigen Schlages von Eowen nicht zerbrochen oder stumpf geworden waren. Es hätte ihn auch sehr gewundert, gehören doch die Zähne der Sandhunde und insbesondere deren Fänge zu den härtesten Materialien in ganz Mirimotha.

Eowen sah Thar zunächst nur an, bevor sie sagte: „Hey, eigentlich ist das meine Beute ….“

„Die du wohl mit mir teilen musst“, unterbrach TharGelion sie mit einem wölfischen Grinsen „wenn du weiter mit mir zum Wüstentempel kommen willst. Ich brauche vier dieser Fangzähne und die Haut von einem Tier und auch das werde ich dir erklären, wenn wir ein Feuer und einen Platz für die Nacht haben.“

Eowen wollte TharGelion am liebsten sofort mit Fragen bestürmen, kannte ihn jedoch gut genug, um zu wissen, dass er darauf nun nicht reagieren würde. Also zog sie ihr Messer und fing schweigend an, den anderen Hund zu häuten, während sich TharGelion daran machte, die großen und ungemein spitzen Fangzähne der Bestien aus deren Kiefer heraus zu brechen.

Einige Zeit später, nach einem kurzen Marsch Richtung Süden, schlugen Eowen und TharGelion ein Lager auf. Da es noch nicht dunkel war, begann Thar mit einer kleinen aber sehr heißen Flamme, die er auf seine Handfläche gezaubert hatte, die Häute von der Innenseite zu reinigen, währen Eowen die Risse in ihrer Kleidung flickte, die bei dem Kampf mit den Sandhunden arg ramponiert wurde. Noch immer schwieg TharGelion zu seinen Plänen und Eowen konnte ihre Ungeduld und Neugier kaum bezähmen.

Dann bereiteten sie zusammen ein kleines Mahl vor und teilten sich einen Schlauch mit verdünntem Wein. Nach dem Essen, das aus einer dünnen Suppe, getrocknetem Fleisch und Nomadenbrot bestand, saßen sie zusammen und schauten sich an. Thar lächelte als er sah, dass Eowen kurz davor war, vor Neugier zu platzen.

„Du willst wissen, was ich im Tempel vorhab.“ sagte TharGelion. Das war keine Frage und als Eowen nickte fragte Thar sie:

„Kennst du die Krummschwerter der Wüstenvölker aus den vergangenen Zeitaltern?“

„Die Schwerter, die nicht brechen, natürlich!“ antwortete Eowen, „aber von denen gibt’s nur noch ganz wenige und an die kommt man nicht dran.“

„Ich will keins dieser Schwerter, ich will selbst eines schmieden und dazu brauche ich Stahl. Nicht irgendeinen Stahl, ich will den haben, aus dem die Krummschwerter gemacht wurden!“

Eowen lachte schallend: „Wo willst du den denn her kriegen, Thar, das ist mal wieder so eine richtige Elbenschnapsidee – da kannst auch nur du drauf kommen.“

„Im Wüstentempel gibt es noch etwas von dem Stahl“, sagte TharGelion, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen „den will ich mir holen.“

„Du bist verrückt, TharGelion – der Wüstentempel ist verflucht und wird von den Tarunern bewacht.“ sagte Eowen grinsend, „aber ich will trotzdem mit.“

„Das kannst du auch, Eo“ lächelte TharGelion, „aber zuerst schauen wir uns das Ding mal in Ruhe an. Von hier aus ist es nicht mehr weit und wir sollten ihn bis morgen Mittag erreichen können – dann beobachten wir ihn und versuchen in der Nacht in den Tempel rein zu kommen.“

„Und was willst du mit den Zähnen und dem Fell?“ wollte Eowen wissen.

„Die brauch ich für die Herstellung des Schwertes“ war Thars lapidare Antwort.

Eowen wollte nicht locker lassen: „Thar, was um alles in der Welt ist das für ein Schwert?“

TharGelion schwieg und Eowen sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an: „Irgendwas stimmt an der Sache nicht. Thar. Du verschweigst mir etwas – es ist doch nicht normal, dass du unbedingt einen Teil meiner Beute haben willst, das passt nicht zu dir, geschweige denn ein Diebstahl, wie du ihn planst. Da ist doch noch mehr. Warum kaufst du dir nicht einfach ein Schwert? Und seit wann kannst du schmieden?“

TharGelion antwortete leise: „Ich kann auch nicht schmieden. Noch nicht.“

Eowen lachte hell auf, ein Ton der in der dunklen Nacht über der Wüste unwirklich schien: „Thar, du bist wirklich wahnsinnig, du willst in einen bewachten und verfluchten Tempel einbrechen um eines der wertvollsten Metalle ganz Mirimothas zu stehlen und es dann als Schmiedelehrling verhunzen?“

„Ja.“ sagte Thar einfach, dann stand er auf, blickte zu den Sternen und packte die Decke aus seinem Rucksack. Er bereitete ein Lager vor und legte sich zwischen die Decken. Eowen beobachtete ihn sprachlos und mit offenem Mund. „Es wird kalt werden, Eowen.“ sagte er, „hol deine Decken und leg dich zu mir, du kannst mir nicht helfen, wenn du in der Wüstennacht erfrierst.“ Mit diesen Worten rollte er sich ein und schloss die Augen. Eowen starrte ihn noch eine Zeit lang an, schüttelte dann den Kopf und legte sich neben TharGelion.

TharGelion zog Eowen an sich und an ihrem ruhigen Atem merkte er bald, dass sie eingeschlafen war. Kein Wunder nach dem harten und erschöpfenden Kampf mit den Sandhunden – außerdem hatte Thar ohne das sie es bemerkt hatte, einen leichten Schlafzauber gewirkt, der ihre Erholung unterstützen würde.

Er konnte zunächst keine Ruhe finden, denn auch er war unsicher, ob es ihm überhaupt gelingen konnte, dieses Schwert zu schmieden. Lange dachte er darüber nach, er erinnerte sich an die Elbenschmiede in seiner Heimat, an die geheimen Schmiedeverfahren und an die großen Klingen seiner Vorfahren.

Er war nur ein Halbelb und in seiner Heimat wurde er deshalb von einigen seiner Elbenbrüder und –schwestern geschnitten, niemals war es ihm möglich gewesen, das Schmieden zu lernen, geschweige denn in die geheimen Techniken der Schmiede eingeweiht zu werden. Viel zu kriegerisch waren Fürst Caranthirs Pläne damals, als dass er es erlaubt hätte, einem Halbelb, in dem auch Menschenblut fließt zu gestatten, dieses von dem Fürsten so hoch geschätzte Wissen zu erlernen. Thar lag grübelnd unter seinen Decken, als sein Blick auf Eowens rote Haare fiel. Er musste lächeln und an ihren Kampf gegen die Sandhunde denken, an die wehenden Haare und die Leidenschaft, mit der sie gekämpft hatte. Dann wanderten seine Gedanken zu den anderen Mitgliedern des Ordens, zu Xarax, zu Archmage und dem jungen dh, zu Mafia und Chiara. Er musste Lächeln, als er an Marec dachte, Eowens Mann. Und er dachte an Thaladil und Angoesce. Da schoss ein Gedanke durch seinen Kopf – Angoesce, sie würde ihm vielleicht helfen können. Angoesce und Elenril. Das könnte klappen. Glücklich über diesen Gedanken schlief TharGelion ruhig ein, nicht ohne noch einen liebevollen Gedanken an seine Freundin Elenril auf die lange Reise über die Wüste von Mentoran geschickt zu haben.

 

6. Kapitel – Zum Tempel

Als er am nächsten Morgen wach wurde, hatte Eowen schon einen Mokka gekocht und saß gespannt, aber lächelnd am kleinen Feuer. Thar war zunächst verärgert über sich selbst, dass er nicht gemerkt hatte, dass Eowen aufgestanden war. Er hatte wohl zu lange unter den Sternen gelegen und nachgedacht. Aber er fühlte sich erfrischt und ausgeruht, froh darüber, dass er nun eine Idee hatte, wie er das Schmieden des Schwertes erlernen konnte. So ruhig hatte er nicht mehr geschlafen, seit er das Mithril gefunden hatte. Und er erinnerte sich an die eleganten und geschickten Bewegungen, mit denen Eowen die Sandhunde besiegt hatte und wunderte sich nicht mehr, dass sie aufstehen konnte, ohne ihn zu wecken.

„Aiya, Eowen, guten Morgen.“ sagte er.

„Guten Morgen Thar, wann geht’s los?“ antwortete Eowen.

„Sobald ich diesen köstlich duftenden Mokka getrunken habe“, sagte er grinsend und gut gelaunt. „Und nur wenn du mir versprichst, vorsichtig zu sein.“

Eowen murmelte etwas, dass Thar nicht verstehen konnte und meinte dann: „Meinetwegen.“

Kurze Zeit später brachen sie auf und wandten sich bald Richtung Westen, um den Tempel zu erreichen. Schon aus der Ferne konnten sie das Bauwerk sehen, dass ganz aus Sand bestand war und durch Magie zusammengehalten wurde. Um den Tempel herum gab es einige enorm hohe Wanderdünen, die aussahen, als müssten sie über dem Tempel zusammenbrechen, wie die mächtigen Brecher an einem Strand, die sich dem Tempel aber zu keinem Zeitpunkt innerhalb der vergangenen Zeitalter auf weniger als 200 Schritt genähert hatten.

Vorsichtig nach Deckung suchend näherten sich Thar und Eowen und krabbelten schließlich mühsam eine der höheren Dünen hinauf. Die Düne überragte den Tempel knapp und so konnten sie die umgebende Ebene und den Tempel genau beobachten. Dort lagen sie lange und sahen, dass am und im Tempel reges Treiben herrschte. Viele Taruner hatten sich am Tempel versammelt und offenbar wurde ein Fest vorbereitet. TharGelion sah seine Chancen für den heutigen Tag schwinden, aber er und Eowen blickten weiterhin aufmerksam von der Düne zum Tempel.

Dann hatte das Treiben ein Ende, als ein Mann, offensichtlich ein Priester, flankiert von vier mächtigen Sandgeistern aus dem Tempel kam. Der Mann hob die Arme und auf dieses Zeichen strömten die Taruner auf ihn zu. Lange Zeit sprach er, gestikulierte und sang. Oft stimmten die versammelten Sandwesen in seine Melodien ein, die sich für Eowen und TharGelion fremd und unharmonisch anhörten. Allerdings waren die beiden so weit weg, dass sie kein Wort hätten verstehen können, selbst wenn sie des Tarunischen mächtig gewesen wären. Dann, bei Einbruch der Dämmerung, endete die Zeremonie und die Taruner begannen ein großes Fest, dass bis weit in die Nacht andauerte. Offensichtlich kannten auch die Taruner eine sandige Alternative zu dem von den Menschen und Elben gleichermaßen geschätzten Wein, denn das Fest wurde bald laut und wild. Es wurde getanzt und seltsame Klänge drangen zu dem Halbelben und der Menschenfrau hinauf. Dann endete das Fest abrupt und es wurde still – nur noch ein einziger langer Ruf oder Schrei klang vom Dach des Tempels hinauf zu den Sternen. Innerhalb von wenigen Minuten waren sämtliche Taruner verschwunden, ohne das Thar und Eo erkennen konnten, wohin oder wie.

Die beiden sahen sich an und wunderten sich, blieben aber noch über eine Stunde lag an dem Platz liegen und beobachteten. Doch außer einem Wüstenschrecken, der sich zu dem Tempel verirrt hatte, war nichts zu sehen oder zu hören – auch nicht für Thars Elbenaugen, die in der Dunkelheit wesentlich besser sehen konnten als die menschlichen Augen Eowens.

Natürlich hielten Eowen und Thar die ganze Zeit über telepathischen Kontakt, eine Fähigkeit, die sie während der Initiationsriten für den Orden erworben hatten und beschlossen nun, den Abstieg zu wagen und zu versuchen, in den Tempel einzudringen.

Vorsichtig und hoch aufmerksam schlichen und krabbelten sie zu den Mauern des Tempels. Doch es war keine Öffnung oder Tür zu finden – rundherum bestand der Tempel aus festem Sand. Nachdem sie den Tempel zweimal ganz umrundet hatten deutete Thar nach oben und begann die schräg abfallenden Wände des Tempels hinauf zu klettern. Die Wand stieg in einem Winkel an, der es TharGelion beinahe unmöglich machte hinauf zu klettern. Aber seine Finger und Fußspitzen fanden halt, denn er konnte sie ein kleines Stück in die Wand aus Sand hinein graben – die Magie hielt zwar den Sand zusammen, ließ aber Thars Finger eindringen. Vorsichtig und immer wieder auf Geräusche lauschend erreichte er die Kante der schrägen Wand, während Eowen unten wartete und die Umgebung beobachtete. Langsam schob Thar den Kopf über den oberen Rand und spähte auf das Dach. Vor ihm lag eine ebene Fläche, umgeben von einer niedrigen Wehrmauer – nichts regte sich auf dem Dach und TharGelion konnte ziemlich genau in der Mitte des Dachs eine dunkle Fläche erkennen, die er für eine Öffnung hielt.

Vorsichtig kletterte er über die Brüstung und ließ sich auf den Boden gleiten, damit sich seine Silhouette nicht gegen den Nachthimmel abhob. Telepathisch teilte er Eowen mit, dass sich niemand auf dem Dach befand und nahm ein altes Elbenseil aus seinem Rucksack. Das Seil, eines seiner wenigen Besitztümer, die er noch aus der Zeit besaß, als er in Dol Caranthir lebte, ließ er über die niedrige Mauer zu Eowen hinab gleiten. Eowen fasste das Seil und gezogen von Thar erreichte sie schnell die obere Kante des Dachs.

 

7. Kapitel – Im Tempel

Zunächst blieben Eo und Thar noch einige Zeit nebeneinander liegen um Atem zu schöpfen und um zu lauschen. Dann krochen sie vorsichtig zu der dunklen Stelle, in der Thar eine Öffnung vermutete. Als sie die Fläche erreicht hatten, sahen die beiden, dass eine Treppe aus Sandstufen nach unten in den Tempel führte – ganz weit unten konnten sie ein rötliches Schimmern erkennen. TharGelion ließ sich sofort über den Rand gleiten und schlich langsam nach unten, Eowen folgte in kurzem Abstand – beide mit bereit gehaltenen Kampfstäben. Als sie sich dem rötlichen Licht näherten, bereitete Thar einen Starrezauber vor. Die Treppe endete auf einer Balustrade, die sich rund um einen riesigen Raum spannte, der scheinbar das ganze Tempelinnere ausfüllte. Nichts regte sich und niemand war zu sehen – allerdings führten unterhalb der Galerie mehrere Türen in den Wänden in jede Himmelsrichtung. Eowen und Thar suchten nach einer Möglichkeit, weiter nach unten zu gelangen und umrundeten auf ihrem Weg die Balustrade soweit, bis sie auf der gegenüberliegenden Seite der Treppe angekommen waren, die sie vorher hinabgestiegen waren. Dort führte eine weitere Treppe nach unten und TharGelion schlich sich als erster hinab. Etwa auf halber Höhe änderte die Treppe die Richtung und führte zurück zu dem großen Raum. Immer noch war nichts zu hören und zu sehen, also betraten er und Eowen den großen Raum. In der Mitte des Raumes stand ein großer Altar, der von einem Baldachin überdeckt wurde, so dass sie erst jetzt sehen konnten, dass auf dem Altar anscheinend wertvolle Gegenstände aus Gold und Edelsteinen lagen – Eowen bewegte sich auch sofort auf den Altar zu, so dass Thar sich beeilen musste, sie an ihrem Gewand zurück zu reißen – aber da war es schon zu spät. Direkt vor ihnen materialisierte sich ein Sandgeist, der sofort angriff – Thar und Eowen sprangen zu verschiedenen Seiten, so dass sie beide dem ersten Angriff entgingen, weil der Geist zögerte, da er sich nicht für einen der Gegner entscheiden konnte. Dieses Zögern dauerte nur kurz und dann wandte er sich gegen TharGelion, der wieder auf die Beine kam und sich auf die Abwehr des Angriffs einstellte – der Sandstab des Geistes fuhr auf Thars Kopf herab und traf kurz vor seinem Ziel auf den Kampfstab Thars, der den Schlag abblockte. Inzwischen hatte Eowen ebenfalls eine Starre vorbereitet und ließ den Zauber nun auf den Sandgeist los. Der Geist wurde in seiner Bewegung eingefroren und Thar schlug seinen Stab von der Seite gegen die Stelle, an der er den Hals des Wesens vermutete und zertrennte so die magische Essenz, die den Geist zusammenhielt. Der Geist rieselte als Sand zu Boden und wie durch ein Wunder kamen Eo und Thar ohne Kratzer davon. Sofort liefen sie zur Wand und drückten sich an ihr entlang bis zur nächsten Tür. In der ganzen Zeit schwiegen Thar und Eowen und der Kampf war auch nahezu lautlos abgelaufen. Nun sagte Thar aber zu Eowen: „Sag mir demnächst bitte, was du vorhast – es hätten auch mehrere Geister sein können, wir haben Glück gehabt.“

„Willst du ohne Beute hier raus?“, fragte Eowen, „das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Erstmal will ich das Metall, dann sehen wir weiter“, antwortete Thar grinsend und zog Eowen für einen kurzen Moment in seine Arme, erleichtert darüber, dass ihnen nicht mehr geschehen war. Offensichtlich hatte das Fest der Taruner ihnen in die Hände gespielt, da der Tempel anscheinend nicht ausreichend bewacht wurde. Thar teilte Eowen telepatisch mit, dass er vermutete, dass die Priester ihr Magie in der Zeremonie verbraucht hatten und nur wenige Sandgeister als Wächter beschworen waren.

Diesmal war es Eowen, die die Tür langsam aufschob und in den Raum spähte, während Thar mit einem Starrezauber auf den Lippen sicherte. Der Raum war klein und leer – lediglich einige Schränke und Truhen befanden sich darin. Schnell aber sorgfältig durchsuchten Thar und Eo den Raum, konnten aber nichts Wertvolles finden, lediglich einige Gewänder und lederne Gürtel. Ähnlich erfolglos waren sie in den drei folgenden Räumen, die alle dem ersten Raum ähnelten und ähnlichen Plunder enthielten. In dem dritten Raum fand Eowen allerdings auch drei dunkle Heilzauber, die sie in ihren Taschen verstaute. Da jede Seite des großen Raumes zwei Türen aufwies hatten sie nun die gegenüberliegende Seite des Altars erreicht und standen vor einer Öffnung, die in einen Gang führte, der ebenerdig verlief. Sie schlichen den Gang entlang und entdeckten, dass mehrere Türen von ihm abgingen – hinter der zweiten konnten sie ein rasselndes Geräusch vernehmen, in dem Eowen das sandige Schnarchen eines Taruners vermutete.

Thar und Eowen schlichen weiter und erreichten das Ende des Ganges, dass durch eine massive Tür aus magischem Sand versperrt war – die Tür strahlte Magie aus und Thar hatte das Gefühl, seinem Ziel nahe zu sein – aber wie sollten sie die Tür öffnen. Er vermutete einen Wachzauber auf der Tür und überlegte gerade wie es nun weiter gehen sollte, als er Eowen kichern hörte: „Tritt mal zur Seite, Thar.“

Thar wandte sich um und sah gerade noch, dass Eowen einen Auflösung des Schutzes gegen die Tür jagte. Die Tür bebte leise und das Glühen verschwand – mit einem Geräusch, dass an fließendes Wasser erinnerte, ergoss sich der Sand in den Gang und den dahinterliegenden Raum.

Thar verdrehte kurz die Augen, wandte sich aber sofort wachsam dem Raum zu, während Eowen nach hinten in den Gang sicherte. In dem Raum erhob sich der tarunische Priester, der die Zeremonie geleitet hatte und wollte gerade nach Hilfe rufen, als ihn TharGelions Stillezauber verstummen ließ und ihn der nachfolgende Starrezauber an seinen Platz fesselte.

TharGelion betrat den Raum und sah, dass an der einen Wand drei Truhen standen – mit einem Lächeln ging er auf den Priester zu, der offensichtlich erwartete, nun sein Leben zu verlieren. Stattdessen durchsuchte Thar ihn und fand einen großen Ring mit vielen Schlüsseln. Den Priester ließ Thar mit offenem Mund und ausgestrecktem Arm stehen und untersuchte die Truhen auf Fallen und Magie. Als er sich davon überzeugt hatte, dass ihn keine weiteren Zauber erwarten würden öffnete er die erste Truhe und fand etliche Säcke, in denen Gold klimperte. Er wandte sich zu dem Priester um und schob ihn in eine Position, dass er Thar zusehen konnte. Dann legte er den Goldsack, den er in der Hand hatte zurück und öffnete die nächste Truhe – er war an seinem Ziel: unten in der Truhe lagen zwölf schwere Barren eines schimmernden Metalls – Thar nahm einen heraus und wog ihn mit der Hand. Er schätzte, dass jeder der Barren etwa zehn Pfund wog. Anschließend verstaute er zwei der Barren in seinem Rucksack und wandte sich wieder dem Priester zu, um diesem zu zeigen, dass er eine Brosche der Bergwiesen und einen Stab des Lichts, den er von seinem Rucksack losgebunden hatte in die Truhe fallen ließ. Rein aus Neugier öffnete Thar noch schnell die dritte Truhe und entdeckte Schriftrollen und Pergamente. Unangetastet ließ er den Inhalt zurück und wollte gerade gehen, als Eowen ihm scharf zuflüsterte: „Was ist mit Beute, Thar?“

TharGelion sah Eowen an: „Ich habe was ich wollte, eigentlich gibt’s keinen Grund mehr mit zu nehmen.“ Er lächelte und sprach weiter: „Lass uns zusehen, dass wir hier rauskommen.“ Mit diesen Worten wandte er sich noch einmal um, lief zu der ersten Truhe zurück und zog einen der Goldsäcke heraus. Thar warf ihn Eowen zu und grinste: „Hast ja recht, wir hatten ja auch ein paar Ausgaben.“

Eowen fing den Sack, lachte und schnell bewegten sie sich auf den zentralen Raum des Tempels zu. Es war vielleicht der kurze Moment, den sie brauchten um den Goldsack zu holen, der ihnen zum Verhängnis wurde – alles war zunächst ruhig doch dann erscholl ein wütender Schrei aus dem Raum des tarunischen Priesters und im nächsten Moment brach um sie herum die Hölle los. Die Starre, die Thar dem Priester aufgelegt hatte war zu schwach gewesen und hatte sich gelöst – nun rief dieser um Hilfe und rannte ihnen in den Gang hinterher. Die Türen des Ganges öffneten sich und weitere Taruner kamen hinzu, während der Hohepriester Thar und Eo einen Feuerball hinterher jagte. Gerade eben so schafften sie es am Ende des Ganges nach rechts und links in den zentralen Raum zu springen, als der Feuerball zwischen ihnen in Richtung Altar raste. Sie hatten dabei doppelt Glück, denn zu allem Überfluss materialisierten sich auch noch vier Sandgeister rund um den Altar, von denen der Vorderste von dem Feuerball erfasst und vernichtet wurde. Das hatte ihnen noch gefehlt – hinter ihnen die wütenden tarunischen Priester und vor ihnen dir drei übriggebliebenen Sandgeister. Dann senkten sich auch noch fließende Sandvorhänge vor den Türen herab und lediglich die Öffnung vor der Treppe, die auf die Balustrade führte blieb offen. Zwei der Sandgeister hatten ihnen bereits den Weg zu der Treppe versperrt und bewegten sich nun langsam auf sie zu, während sich der dritte von der anderen Seite näherte. Eowen und TharGelion blieb nur der Weg in der Mitte in Richtung des Altars. Sie sahen sich kurz an und liefen los, nicht wissend, ob sie schnell genug sein würden. Ganz knapp schafften sie es, den großen Altar zu erreichen und dahinter in Deckung zu gehen, als ihnen auch schon Kaktuspfeile um die Ohren flogen. Eowen schickte einem der Sandgeister einen Feuerball entgegen während Thar einen weiteren Zauber vorbereitete.

Inzwischen hatten auch einige der Priester die Hälfte des Weges bis zum Altar überbrückt und teilten sich in zwei Gruppen auf, um Eowen und TharGelion von zwei Seiten angreifen zu können. Da richtete sich Thar auf und webte die Runen für einen Zauber der Leere. Im nächsten Moment war der Raum bis auf Thar, Eo und zwei übriggebliebene Sandgeister leer.

Thar wusste, dass ihnen das nur wenige Sekunden bringen würde, weil sich die Priester in dem Tempel wieder materialisieren würden, da dies ihr Heimatort ist und rief Eowen zu: „Schell, die Treppe!“

Gemeinsam liefen sie los und stürzten sich auf den ersten Sandgeist  - diesmal schlugen sie einfach zu, ohne dabei Zauber zu Hilfe zu nehmen – beide, sowohl Eowen, als auch TharGelion steckten einige Schläge ein, konnten den Sandgeist aber vernichten. Der letzte der Geister war gerade heran, als sich die ersten Priester wieder materialisierten. TharGelion traf den Geist, als dieser seinen Sandstab hob mit einem wuchtig geführten Schlag in Hüfthöhe und zerteilte das beschworene Wesen.

„Komm, Eo – der Weg ist frei!“ rief er und wandte sich um.

Zu seinem Schreck sah er, dass Eowen zu dem Altar zurücklief und mit einem schnellen Griff etwas von der Platte herunterriss. Kaktuspfeile flogen und einer traf TharGelion in Hüfthöhe, durchstieß aber nur den Lederbeutel, der an dem Gürtel hing. Eowen erging es schlechter – sie hatte gerade Thar und die Treppe erreicht, als einer der Pfeile in ihre rechte Schulter einschlug und ein anderer ihren Oberschenkel durchbohrte. Mit einem gellenden Schrei stürzte in die Wandöffnung und landete in Thars Armen. Thar schob sie hinter sich und warf den Priestern seinen letzten verbliebenen Feuerball entgegen. Dann packte er Eowen, legte sie sich über die Schulter und rannte die Treppe hinauf. Ohne weiteres Zögern sprang er auf die Balustrade und umrundete sie, bis er die Treppe auf das Dach erreicht hatte – begleitet von den wütenden Rufen der Priester. TharGelion stürzte die Treppe hinauf und kam auf dem Dach an.

 

8. Kapitel – Rettung

Das Dach war leer. „Eru sei dank!“ dachte TharGelion und umrundete die Öffnung zur Treppe, um Eowen auf der anderen Seite ablegen zu können. Eowen stöhnte und Thar untersuchte sie hastig. Der Bolzen in der Schulter war nicht das Problem, er war durchgegangen, schien aber leinen Knochen verletzt zu haben und die Wunde blutete nur schwach. Thar brach schnell die beiden Enden des Pfeils ab und wandte sich der Verletzung am Bein zu. Eowen stöhnte und ihre Augenlieder flatterten. Diese Verletzung war schlimm, sehr schlimm – der Bolzen hatte eine Schlagader verletzt und das Blut pulsierte aus der Wunde heraus. Thar sah, dass Eowen diesen Blutverlust nicht lange überleben konnte und schon ohne Bewusstsein war – außerdem hörte er, wie von unten die Priester und ihre Schergen die Treppe hinaufkamen. Mit rasenden Bewegungen flößte Thar Eo einen Heiltrank ein, genau wissend, dass ihr das höchstens einige Minuten bringen würde.

Es gab keine Möglichkeit, die Öffnung zur Treppe zu versperren und an einen Abstieg vom Dach des Tempels war nicht zu denken. Thar griff in seinen Lederbeutel an der Hüfte um zwei Zauberkugeln heraus zu nehmen – mit ihnen würde er sie beide in Sicherheit bringen. Er bemerkte das Unglück sofort – der Beutel war durch den Bolzen zerrissen worden und die Kugeln waren weg, nur noch eine einzige war übrig.

Jetzt war guter Rat teuer – fieberhaft überlegte Thar – er konnte Eowen nicht dort lassen, aber er konnte sie auch nicht alleine wegzaubern, sie würde auf der Wiese vor der Festung landen und wäre dort dann allein. Ein Name schoss durch seinen Kopf: Marec. Marec war ein junger Dunkler Magier, der Eowen in den nächsten Wochen heiraten wollte und der vielleicht helfen konnte. Telepathisch stellte Thar einen Kontakt zu Marec her und teilte ihm kurz seine Gedanken mit: „Geh zur Festung! Sofort! Stell keine Fragen! Eowen kommt mit einer Zauberkugel! Sie ist schwer verletzt! Hilf ihr!“

Marec spürte die Dringlichkeit in TharGelions Aufforderung und sandte nur einen kurzen Gedanken zurück: „Ja.“

Sofort legte Thar die letzte Zauberkugel in Eowens Hand, wählte den Zielort und drückte auf den Noppen, der den Zauber aktivierte. Er sah gerade zu, als wie Eowens Körper schimmerte und verschwand, als auch schon wieder die ersten Pfeile auf ihn zuflogen. Schnell sprang er zur Seite und lief im Zickzack über das Dach. Es gab eigentlich keine Richtung in die er sich wenden konnte – es gab keinerlei Deckung und klettern würde zu lang dauern. Ihm blieb nur der Sprung und dafür war das Dach zu hoch. Er würde sich sämtliche Knochen brechen und er hatte nur noch einen großen Heiltrank, der wohl kaum ausreichen würde, ihn gesund genug für eine Flucht durch die Wüste zu machen. Trotzdem – ihm blieb keine andere Möglichkeit und er beschloss, das Risiko einzugehen. Mit großen Sätzen lief er auf die Wehrmauer zu und bereitete sich auf den Sprung vor, als er plötzlich von hinten hochgerissen wurde. Seien Füße traten in die Luft und er schwebte mit großer Geschwindigkeit über die Brüstung hinweg. Unter seinen Armen spürte er Hände und als er sein Gesicht nach oben wandte erkannte er das vertraute Antlitz Samiras.

„Aiya, TharGelion!“ rief sie mit einem Grinsen, „warst du in Schwierigkeiten?“

Samira flog mit Schattenflügeln und trug Thar durch die Luft. Thar wandte sich um und sah zum Tempel zurück, von wo er Kampfschreie hören konnte. Er erkannte zwei Krieger, Ernil und König Theodeen, die die Priester und ihre Krieger in einen heftigen Kampf verwickelt hatten und die Treppe hinab trieben.

„Danke Sami!“ keuchte Thar, als Samira eine Düne ansteuerte um ihn abzusetzen. Zu mehr war er zunächst nicht in der Lage und als er auf dem Kamm des hohen Sandhügels an Samiras Seite stand, wandten sich beide außer Atem dem Tempel zu. Thar sah, wie sich in der anbrechenden Morgendämmerung zwei weitere Flügelpaare auf dem Dach des Tempels ausbreiteten und Theodeen und Ernil einen Moment später auf sie zuflogen.

Grinsend landete Ernil als erster und feixte: „Na Thar, hast du dich ein bisschen übernommen?“ während Theo etwas würdevoller neben ihnen aufsetzte und TharGelion begrüßte: „Aiya, Freund TharGelion – was ist dir zugestoßen. Wir sahen das Schimmern eines Zaubers aus der Luft und als wir näher kamen konnten wir erkennen, dass du fliehst. Sagst du uns warum?“

„Aiya Freunde, keinen besseren Zeitpunkt könnte ich mir für ein Wiedersehen wünschen.“ sagte Thar und fuhr dann zögerlich fort: „Ich denke ich bin euch eine Erklärung schuldig.“

Thar war sich nicht sicher wie er nun weiter fortfahren sollte, immerhin stand er gerade drei Führern der Menschen und Onlos gegenüber. Theodeen war der König der Menschen von Konlir und Samira seine Gemahlin. Zu allem Überfluss war Eowen auch noch die Tochter Theodeens und Samiras Stieftochter und Thar hatte kein gutes Gefühl dabei, ihnen erzählen zu müssen, dass er Eowen in Gefahr gebracht hatte. An Samiras Blick erkannte Thar, dass sie bereits ahnte, dass da irgendeine Geschichte hinter steckte, die er nicht gerne erzählen würde. Aber Samira hatte TharGelion bisher immer mit Wohlwollen behandelt, wenn sie sich trafen und das trotz der Tatsache, dass man Menschen und Dunkle Magier nicht unbedingt als Freunde bezeichnen konnte. Im Gegenteil, es gab eine uralte Allianz der Menschen und Onlos, die gemeinsam gegen die Dunklen Magier und deren Verbündete, die Geister des Serums und die Taruner Krieg führten. Diese Feindschaft bestand schon seit vielen Zeitaltern und inzwischen gab es viele Angehörige der einzelnen Gruppen, die auch untereinander freundschaftliche Beziehungen pflegten. Immerhin waren auch menschliche Zauberer Mitglieder im Orden, dem auch Thar angehörte.

Wie bereits auf dem Dach war es auch nun wieder Samira, die Thar aus einer brenzligen Situation befreite und ihm so ermöglichte, in Ruhe nachdenken zu können.

„Was haltet ihr davon, wenn wir hier erst mal verschwinden und TharGelion und dann in Ruhe erzählt, was passiert ist“ sprach Samira, „ich bin auch neugierig, habe aber keine Veranlassung, hier im Sand zu stehen und den Tarunern als Zielscheibe zu dienen.“ Mit diesen Worten warf sie Thar eine Zauberkugel zu, und fuhr zu ihm gewandt fort: „Ich nehme an, dass du keine hast.“

„Danke Herrin.“ sagte Thar, „wo wollen wir uns treffen.“

„In der Post im Wald des Einsamen Baums“ antwortete Theodeen, „das ist neutrales Gebiet. Dort können wir in Ruhe reden.“

Ernst schaute Theodeen TharGelion an als er seine Flügel ausbreitete und sich in die Luft erhob. „Eile dich!“ sagte er, bevor er Höhe gewann und nach Norden beschleunigte. Auch Samira erhob sich in die Luft, allerdings warf sie Thar noch ein freundliches Lächeln zu und in ihren Augen konnte er lesen, dass sie bereits mehr ahnte, als er erzählt hatte.

„Bin gespannt, wo du nun wieder rein geraten bist“, lachte Ernil der die ganze Zeit den Tempel scharf beobachtet hatte und den beiden anderen nun folgte.

Thar sah den dreien noch einen Moment lang nach, bevor er wieder mit Marec in telepathischen Kontakt trat. Der junge Zauberer war sehr aufgeregt, als Thar die Verbindung hergestellt hatte, jedoch konnte der Halbelb sofort fühlen, dass er nicht unglücklich oder von Trauer erfüllt war. Von Hoffnung erfüllt erkundigte Thar sich: „Marec, wie geht es Eowen?“

„Sie ist noch nicht bei Bewusstsein, aber es geht ihr gut“, teilte ihm Marec mit, „ich habe sie sofort mit einem Heimzauber in die Festung geschickt, Chiara hat sie dort empfangen und wir sind jetzt beide bei ihr. Es hat uns einige Zauber und auch eine Menge Handwerkskunst gekostet, die Bolzen zu entfernen, aber sie hat es geschafft – was habt ihr bloß gemacht, Thar?“

TharGelion teilte Marec mit, dass er oder Eowen ihm die Geschichte später erzählen würden und sofort spürte er die aufsteigende Verärgerung Marecs. Als er ihm aber kurz erklärte, dass er dem Königspaar und dem Fürsten der Onlo Rede und Antwort stehen musste, gab Marec nach. Auch ihm waren die Herrscher gut bekannt, da sie seine zukünftigen Schwiegereltern werden sollten und er wusste auch, dass Theodeen sehr unnachgiebig sein konnte, wenn er eine Anordnung getroffen hatte. Samira galt im ganzen Reich als die einzige, der es gelang, den König von einer getroffenen Entscheidung abzubringen.

Nun wurde es auch höchste Zeit, denn Thar konnte bereits die Hörner der Taruner hören, die die Verfolgung aufgenommen hatten. Er nahm die Zauberkugel, wählte die Bank beim Einsamen Baum als Zielort und als die Taruner kurze Zeit später die Stelle erreichten, waren dort lediglich noch einige Fußspuren zu sehen, die plötzlich endeten und die der fliegende Sand bereits auszufüllen begann.

 

9. Kapitel – Erklärungen und der Name der Elbin

TharGelion erschien in der Bank und sofort wurde er von einigen Bekannten begrüßt. Sabs lachte ihn an: „Thar, kannst du nicht vorher draußen wenigstens den Sand abklopfen, bevor du in die Bank kommst, du machst ja alles schmutzig.“

„Typisch Halbelb“ grummelte Sadon, „die schleppen doch ständig ihre geliebte Natur mit sich rum.“

Thar grüßte die beiden kurz, wandte sich dann aber hastig ab, um das Metall und die Zähne der Sandhunde, die er glücklicherweise immer noch in der Schultertasche hatte in einem Schließfach unterzubringen. „Tut mir leid“, rief er über die Schulter, „aber ich hab es wirklich eilig.“

„Kein Problem, Thar“ lachte Sadon, „so wie ich dich kennen, sitz ich demnächst so oder so wieder den ganzen Abend irgendwo neben dir fest, weil du unbedingt eine Geschichte erzählen musst. Sie zu dass sie gut wird und mach, dass du wegkommst.“

Der Halbelb grinste die beiden Freunde noch kurz an und war schon im nächsten Moment aus der Bank raus und auf dem kurzen Weg zur Post. Dort wurde er bereits von Samira, König Theodeen und Ernil erwartet. Der König hatte einen Raum in der Post für sich beansprucht und saß dort mit Samira an einem Tisch, an dem noch ein Stuhl frei war, während der Onlo hinter den beiden stand und Thar breit angrinste, als dieser den Raum betrat.

„Sei wiederum gegrüßt, TharGelion“ sagte Theodeen, „setz dich zu uns. Ich denke, du hast uns etwas zu erzählen – vor allem, weil uns eben mitgeteilt wurde, dass unsere geliebte Tochter von tarunischen Pfeilen gespickt in der Festung der Dunklen Magier liegt.“

„Wir wissen auch, dass es ihr gut geht, Thar“ sagte Samira mit Milde in der Stimme, „aber wir wüssten schon gern, wie es dazu gekommen ist und was du damit zu tun hast?“

„Das war ja klar“ dachte TharGelion. Aber er war so oder so davon ausgegangen, dass Samira und Theodeen ihre Informanten kontaktiert hatten, zudem war Samira eine echte Elbin. Sie war zwar in einer Familie der Menschen aufgewachsen und ihre Herkunft war etwas mysteriös, nichtsdestotrotz verfügte sie doch über den scharfen Blick und die tiefe Einsicht der Elben. Schon vor langer Zeit hatte sie der Zauberei abgeschworen und lebte nun nach den Regeln der Menschen, aber geleugnet hatte sie ihr elbisches Blut zu keinem Zeitpunkt. Dies hätte auch wenig Sinn gemacht, sah man der Königin angesichts ihrer nahezu überirdischen Schönheit doch sofort ihre Herkunft an.

Nachdem er sich den Stuhl zurecht gerückt hatte, fing TharGelion an zu erzählen. Er sprach von seiner Reise durch die Wüste und dem Treffen mit Eowen, er erzählte von den Sandhunden und davon, dass Eo ihn unbedingt hatte begleiten wollen. nachdem er ihr gegenüber davon gesprochen hatte, dass er in den Tempel einbrechen wollte. Das Herrscherpaar und der Onlo hörten aufmerksam zu und sahen sich zwischendurch an, sagten aber nichts. TharGelion schilderte die Ereignisse im Tempel und ihre anschließende Flucht, allerdings erwähnte er zu keinem Zeitpunkt das Mithril oder das tarunische Metall und auch seine Beweggründe für den Einbruch ließ er aus. Dann erreichte er die Stelle der Geschichte, als er mit Eowen auf dem Dach des Tempels angekommen war und fuhr fort:

„Den Schimmer, den ihr gesehen habt, war der einer Zauberkugel mit der ich Eowen zur Festung gesandt habe. Marec hat sie dort mit Chiara in Empfang genommen und sie ist in guten Händen. Marec hat mir bereits mitgeteilt, dass sie überleben und gesund werden wird.“

Dann schwieg er, da die weiteren Ereignisse ja von dem Menschenkönig, seiner Gemahlin und dem Onlofürsten miterlebt wurden.

Lange blickten sie sich an, dann wandte sich Theodeen zu Samira und nickte ihr auffordernd zu. Samira blickte Thar in die Augen und sprach:

„TharGelion, viel hast du uns erzählt und einiges hast du verschwiegen. Aber ich kenne dich und weiß, dass in deinem Herzen kein Falsch ist. Wenn du uns etwas nicht erzählen willst, dann wirst du deine Gründe dafür haben, aber ich vertraue dir, weil ich weiß, dass du uns niemals Schaden zufügen wirst. Sei gewiss, dass wir dir dankbar sind, dass du unsere Tochter aus der Gefahr gerettet und in heilende Hände gesandt hast. Du hast das getan, ohne zu wissen, wie du selbst der Gefahr entrinnen sollst und es ist fraglich, ob du den Sprung von dem Dach des Tempels überlebt hättest. Und sei ebenso gewiss, dass wir die Abenteuerlust unserer Tochter kennen und wissen, dass sie der Versuchung und dem Reiz der Gefahr nicht widerstehen kann. Schon oft hat sie sich in nahezu ausweglose Situationen gebracht und schon einige Male hast du sie dort rausgeholt.“ Samira lächelte nun und auch der König hatte die ernste Miene abgesetzt und saß nun entspannt in seinem Sessel. Lediglich Ernil grinste nach wie vor, als hätte er die ganze Zeit gewusst, wie das Herrscherpaar reagieren würde.

TharGelion war erleichtert und zum ersten mal spürte er auch die Müdigkeit, die er die ganze Zeit unterdrückt hatte. Froh über den Ausgang des Gesprächs entspannte auch er sich und ein Lächeln half ihm dabei, die glückliche Wendung des Einbruchs in den Tempel zu genießen.

Er sah den König und die Königen an: „Ich bin es, der zu danken hat. Ihr habt mir das Leben gerettet. Und ihr habt eures für meines eingesetzt. Besonders euch danke ich, Königin Samira, weiß ich doch, dass es bisher als unmöglich galt, mit den Flügeln der Fledermaus zu fliegen und zusätzlich noch jemanden zu tragen. Es zeigt euren großen Mut, dass ihr dass gewagt habt. Vergönnt mir bitte, euch daher in Zukunft Vilvarin nennen zu dürfen. Schmetterling heißt das in der Hochsprache unserer gemeinsamen Vorfahren und ich wäre glücklich, wenn ihr diesen Namen als Epesse annehmen würdet. Denn das seid ihr für mich, Vilvarin, ein Schmetterling, wunderschön und trotz seiner Leichtigkeit dazu in der Lage den Winden und Lüften zu trotzen.“

Samira lächelte TharGelion an und freudig antwortete sie: „Das werde ich, Thar und es erfüllt mein Herz mit Glück, einen Namen aus der Hochsprache zu erhalten.“

„Auch euch danke ich, König Theodeen“ fuhr Thar fort, „und euch ebenfalls Ernil, Fürst der Onlos, ich danke euch, dass ihr für mich gekämpft habt und bin stolz darauf, solche kampfmächtigen Freunde zu haben.“

Der König lehnte sich gemütlich zurück: „Gerne sind wir das, TharGelion, aber dennoch interessiert uns, was du vorhast. Aber wie Samira, oder Vilvarin, wie du sie so schön und treffend genannte hast, schon sagte, wir vertrauen dir.“

„Ich werde euch die ganze Geschichte erzählen“, versprach Thar, „das schwöre ich. Aber lasst mich zuerst sehen, ob ich sie bis zum Ende durchstehe.“

„Du wirst nicht mal die Nacht durchstehen“ meldete sich nun Ernil zu Wort, „wenn du nicht bald was zu Essen und ein Bett bekommst.“ Der Onlo lachte: „Du gehst jetzt mit mir zur Herberge und während du da was isst, hörst du mir mal zu, wie ich dir von unserem Kampf gegen die Taruner erzähle. Du bist nämlich nicht der einzige, der gerne Geschichten erzählt.“

Alle lachten nun und im nächsten Moment kam von Marec die telepathische Nachricht, dass Eowen wach geworden sei und ihr Redefluss kaum zu stoppen wäre. Thar teilte die frohe Nachricht den anderen mit und die Kampfgefährten einigten sich darauf, sich am nächsten Morgen in der Festung der Dunklen Magier zu treffen um nach Eowen zu sehn. Dann verabschiedeten sie sich und der König und Samira machten sich auf den Weg nach Norden. Thar verabschiedete sich von der Königen mit den Worten: „Namarié Vilvarin, wandert froh unter den Sternen.“ und die Königin lächelte Thar froh an. Anschließend brachen auch er und der Onlo auf, um in der Herberge die Nacht zu verbringen, Thar knurrte der Magen und Ernil liebte spannende Erzählungen und brannte darauf, TharGelion noch etwas auszufragen.

 

10. Kapitel – Zur Herberge

TharGelion und der Onlo beschlossen, die kurze Wegstrecke von der Post bis zur Herberge zu Fuß zurück zu legen. Sie gaben ein seltsames Paar ab, war es doch nicht eben üblich, dass Fürsten der Onlos mit Dunklen Magiern wanderten. Ernil war selbst für einen Onlo sehr groß und seine Schritte waren lang und raumgreifend. Obwohl er wie ein wandelnder Baum aussah waren seine Bewegungen rund und geschmeidig, wie die Bewegungen von Weidenzweigen im Wind. Ernil war noch jung für einen Fürsten der Onlo, aber sein Mut, seine Kampfkraft, seine Güte und Herzlichkeit machten ihn zu einem beliebten und anerkannten Führer. Er hatte einen raschen Verstand aber bisweilen auch einen etwas sprunghaften und schalkartigen Humor.

TharGelion genoss die Gesellschaft Ernils, der immer wieder gerne lachte und Späße trieb. Insgesamt hatte sich das Abenteuer im Tempel als erfolgreich erwiesen und nur noch Eowens Verletzungen stachen schmerzhaft in Thars Gedanken. Aber da er nun wusste, dass es ihr gut ging und sie in guten Händen war, ließ er sich von der guten Laune Ernils anstecken. Als sie auf dem Weg zur Herberge an Prinzessin Kims Denkmal vorbei kamen, trafen die beiden auf den Dunkelmagier Xarax und sofort merkte TharGelion, wie der Onlo neben ihm kampfbereit und wachsam wurde.

Xarax war der Anführer des Heren Ar-Istarion, TharGelions Orden, und er war Ernil nicht eben freundlich gegenüber eingestellt. Thar spürte sofort den abschätzenden Blick, mit dem Xarax den Onlo prüfte. „Das hat mir gerade noch gefehlt“, dachte Thar, „jetzt sitz ich ja prima zwischen den Sitzklötzen.“ Natürlich war Thar Xarax gegenüber zu Solidarität verpflichtet und sie hatten gemeinsam schon einige Kämpfe durch gestanden, aber nicht anders ging es Thar mit dem Fürsten der Onlo. Davon abgesehen kannte TharGelion Xarax genau und er wusste, dass Ernil das Duell verlieren würde, sollte es dazu kommen.

Doch Ernil hatte ausgesprochen gute Laune und im nächsten Moment hörte Thar ihn sagen: „Sei gegrüßt, Xarax. Es ist schön, dich zu treffen, ich habe einen Wunsch, den du mir erfüllen kannst.“

„Und der wäre?“ fragte Xarax misstrauisch.

„Lass uns einen Pakt schließen, Xarax. Ich weiß genau, dass ich gegen dich verlieren würde, wenn wir kämpfen. Aber mir liegt nichts an einem Kampf mit dir. Ich würde ihn gern vermeiden, wenn das möglich wäre.“

Erfreut sah Thar den Onlo an, verwundert über dieses Angebot, weil er wusste, dass Ernil einem Duell normalerweise nicht aus dem Weg gehen würde.

Xarax kniff die Augen zusammen und ein Schnaufen drang aus seinem Mund. Er überlegte und Thar spürte im nächsten Moment die telepathische Verbindung, die Xarax zu den anderen Mitgliedern des Clans aufnahm, also auch zu ihm.

Rasch kam die Aufforderung an jedes erreichbare Clanmitglied, eine Einschätzung der Situation und die Zustimmung oder Ablehnung des Paktes zu signalisieren. Einige sprachen sich für einen Kampf gegen den Onlo aus, andere reagierten neutral, also richtete Thar die Bitte an Xarax, Ernil zu verschonen und den Pakt einzugehen.

Nach etwas Überlegung willigte Xarax ein und im nächsten Moment endete die Telepathie – Xarax hatte die Verbindungen gekappt.

„Ich gewähre dir deinen Wunsch Onlo, der Sieg wäre mir zu leicht gefallen.“ sagte Xarax und ging gelassen davon.

Thar seufzte erleichtert: „Das war knapp, Ernil.“

„Warum“, fragte dieser schmunzelnd, „mir war doch klar, dass ich verloren hätte. Ich war etwas bequem in letzter Zeit und ein Ritual hat zwar mein Wissen um die Kunst des Kampfes stark erhöht, aber meine körperlichen Fähigkeiten können damit noch nicht Schritt halten. Es wäre fast so etwas wie die gerechte Strafe für meine Nachlässigkeit gewesen.“

„Ich kann es nicht leiden, wenn Freunde von mir gegeneinander kämpfen“, grummelte TharGelion, „ich habe Xarax gebeten, auf den Kampf zu verzichten.“

„Ich weiß“, sagte der Onlo lächelnd, aber mit ernstem Blick, „und ich danke dir, doch nun lass uns gehen, auch ein Onlo weiß ein gutes Bier zu schätzen.“

TharGelion war wieder einmal überrascht von der gemütlichen Gelassenheit der Onlos, wusste aber auch, dass sie gefährliche Feinde waren. Mit einem kurzen Gedanken vermittelte er Xarax seine Dankbarkeit auf telepathischem Wege und ging dann entspannter mit dem Onlo zur Herberge.

Und wieder wurden sie aufgehalten, diesmal von Nanaim, der ungestüm und mit lautem Getöse durch das Blätterdach brach und vor ihnen auf den Weg fiel. „Verdammte Fledermausflügel“, schrie er, als er sich aufrappelte. Thar und Ernil starrten Nana, wie er oft gerufen wurde, an und fingen schallend an zu lachen. Zu grotesk war der Anblick des jungen Magiers, der mit Ästen und Blättern im Haar, eingewickelt in die Flügel der narubianischen Fledermaus und mit Fliegen zwischen den Zähnen vor ihnen stand. Thar ging zu ihm und half ihm, die Flügel wieder zu ordnen, während Ernil prustete: „Du musst den Mund schließen, wenn du fliegst, Nana.“

„Ja, ich hab es gemerkt“, antwortete Nanaim, „aber ich hab euch von oben gesehen und euch zugerufen, dass ihr warten sollt, als ich gerade durch einen Mückenschwarm flog. Wo wollt ihr denn hin?“

TharGelion und Ernil mussten sich sehr zusammen reißen und Thar wollte gerade antworten, als Ernil auch schon loslegte: „Wir gehen in den Dschungel von Gobos, wollten aber dabei den Vulkan südlich umrunden, warum fragst du?“

„Oh“, antwortete Nanaim, „ich kommen nach, ich flieg nur noch schnell ne Runde, bevor diese Flügel völlig steif werden und zerfallen. Ich find euch schon im Dschungel.“

TharGelion blickte Ernil mit halbgeöffnetem Mund an, als diese ihm zuzwinkerte, was bei dem baumischen Gesicht des Onlos beinahe ebenso grotesk wirkte, wie der in Flügel gewickelte junge Magier, der sich nun wieder in die Luft erhob und mit einem lauten „Bis bald!“ Richtung Osten verschwand.

„Warum hast du ihm nicht die Wahrheit gesagt, Ernil?“ fragte Thar.

„Ach was, ich hab doch nicht gelogen. Wir werden diesen Weg doch nehmen um zur Festung zu gelangen, ich habe ja nicht gesagt, dass wir sofort dahin gehen.“ grinste der Onlo verschmitzt, „ich wollte nur in Ruhe mit dir den Abend verbringen und Nanaim ist zwar ein unheimlich netter Kerl, aber manchmal strapaziert er sogar die Geduld eines Onlo.“

TharGelion lachte und gemeinsam setzten sie ihren Weg fort und kamen bald ohne weitere Unterbrechungen an der Herberge an.

 

11. Kapitel – Eine Nacht in der Herberge

In der Herberge fanden Thar und Ernil einen ruhigen Tisch in einer Ecke, etwas abgeschieden von den anderen Gästen, aber dafür auch ruhiger und mit Blick auf die Tür, so dass sie beobachten konnten, wer die Herberge betrat und wer ging.

Thar hatte sich eine Suppe mit Fleisch und frisches Brot bestellt und saß nun essend auf einer Bank, während Ernil die andere Bank weg geschoben und sich mit einer seltsamen Bewegung zusammengekrümmt hatte. Er war nun auf Augenhöhe mit Thar und trank einen riesigen Krug dunklen Biers. Kurz nachdem der Halbelb die ersten Löffel der Suppe zu sich genommen hatte, begann Ernil von dem Kampf auf dem Tempeldach zu erzählen.

Samira, Theodeen und der Onlo waren in Narubia zum Jagen gewesen und hatten einen kleinen Schwarm der großen Fledermäuse erwischt. Da dies ein ausgesprochen seltenes Glück war, hatten sie beschlossen, gemeinsam einen Rundflug über Mirimotha zu wagen und nach weiterer Beute zu suchen. Sie waren zunächst zum Vulkan geflogen und hatten danach die Trockenebene von Reikan angesteuert. Da die Nacht noch nicht zu Ende war, entschieden sie sich dafür, zunächst Mentoran zu besuchen, bevor die große Wüste wieder in die flirrende Hitze des Tages eintauchen würde.

Das war das Glück von Eowen und TharGelion, denn nur weil die Sonne noch nicht aufgegangen war, konnte Samira das Schimmern der Zauberkugel sehen, mit der Thar Eowen in die Festung geschickt hatte. Sie machte auch den König und den Onlofürsten darauf aufmerksam und sie entschieden sich sofort zu helfen, als Samira mit ihren Elbenaugen den flüchtenden TharGelion erkannte.

Theodeen und Ernil überraschten die Priester und ihr Gefolge, die sie nicht kommen sahen, weil sie der Truppe in den Rücken fielen. Ansonsten wäre es für Samira auch schwierig geworden, Thar zu retten, da sie den Kaktuspfeilen mit ihrer Last schwerlich hätte ausweichen können. Die Priester und ihre Wachen waren völlig entsetzt, als der riesige geflügelte Onlo und der König der Menschen in schimmernder Rüstung und mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Dach landeten. Als der Onlo dann noch seinen tiefen dumpfen Kampfruf ausstieß waren die ersten schon die Treppe hinabgestürzt und nur einige wenige besonders mutige Taruner stellten sich den beiden Angreifern.

„Es war keine große Sache“, grinste der Onlo, „die Sandmännchen waren uns einfach nicht gewachsen und Theodeen und ich hatten das Gefühl, ein kleines Kampftraining zu absolvieren. Aber du hättest sehen sollen, wie Theo reagiert hat, als einer der Priester einen Feuerball nach ihm warf – er ist ausgewichen und hat den armen Kerl einfach an seiner Robe gepackt und vom Dach geworfen.“ Der Onlo lachte laut und herzlich und auch TharGelion, der soeben den letzten Rest der Suppe mit einem Stück Brot aufgewischt hatte, stimmte ein.

„Aber Thar, es war wirklich ne seltsame Idee, in den Tempel einzubrechen.“ sagte Ernil, als er sich beruhigt hatte, „sagst du mir, was du da wirklich wolltest?“

„Ich erzähle es, wenn es soweit ist, Ernil“ schmunzelte der Halbelb, „ich vertraue dir, glaub mir, aber ich möchte zunächst einmal sehen, wie sich die Geschichte weiter entwickelt.“

Ernil kannte den Halbelb gut genug, um zu wissen, dass er nicht weiter in ihn dringen brauchte – die einzige, die nun noch was aus ihm rausholen konnte, war wohl Elenril und auch von der würde der Onlo nichts weiter erfahren.

Die beiden saßen noch eine ganze Weile zusammen, tranken Bier und erzählten sich gegenseitig von den neuesten Ereignissen in Mirimotha. Thar und Ernil merkten bald, dass etwas nicht stimmte – die Luft hatte sich verändert und über den Stimmen in dem Gastraum war ein tiefes Grollen zu vernehmen. Die Unterhaltungen wurden leiser und die Gäste der Herberge wandten sich immer wieder den Fenstern zu. Ein Unwetter war heraufgezogen und draußen war es pechfinster geworden. Ein Blitz schlug in der Nähe der Herberge ein und im nächsten Moment donnerte es so laut, dass sämtliche Gespräche verstummten. Thar sah Ernil an und sagte: „Ernil, mir reicht es für heute. Ich bin hundemüde und werde schlafen gehen – sofern ich bei dem Unwetter ein Auge zu bekomme.“

„Kein Problem“, gab Ernil zurück, „ich trinke noch ein Bier und werde mich dann auch ausruhen. Gute Nacht Thar.“

„Gute Nacht“, sagte TharGelion, der schon aufgestanden war und dem Wirt zuwinkte. Er ließ sich von dem kleinen dicken Mann sein Zimmer zeigen, dass am südlichen Ende des Hauses direkt unter dem Dach lag und ein Fenster hatte, aus dem man bis ins Tal nach Loranien sehen konnte. In dem kleinen Giebelzimmer gab es lediglich ein breites Bett und einen kleinen Tisch, aber die Bettwäsche war sauber und frisch. Thar entkleidete sich und stellte seinen Kampfstab neben das Bett, bevor er unter die Decke schlüpfte und die kleine Kerze ausblies. Im nächsten Moment war es absolut dunkel in dem Zimmer, lediglich die Blitze erhellten ab und zu den Raum durch das kleine Fenster. Das Unwetter tobte heftig und Regen prasselte an die kleine Glasscheibe. Thar fühlte sich sicher und genoss die Geräusche des Unwetters, spürte aber auch, dass die Luft voller Magie war. Dann drehte er sich zur Seite und schlief bald ein.

TharGelion schlief ruhig und traumlos, doch dann spürte er eine warme Hand auf seiner bloßen Schulter. Seltsamerweise erschrak er nicht, kam ihm doch die Hand vertraut vor. Eine tiefe Sicherheit und Vertrautheit stieg in dem Halbelben auf und er drehte sich langsam um. Die Hand glitt von seiner Schulter auf seine Brust und kam auf seinem Herzen zu liegen. Ein Blitz erhellte für einen Moment das Zimmer und Thar erkannte für den Bruchteil einer Sekunde die Silhouette einer großen, schlanken Frau mit langen Haaren. Gerade wollte Thar ansetzen, um die Frau zu fragen, wer sie sei, als sich ein Finger auf seine Lippen legte und die Hand auf seiner Brust ihn sanft in auf das Kissen zurückdrückte. Dann wurde der Finger auf seinem Mund durch zärtliche Lippen ersetzt und die wilde Magie eines sinnlichen Kusses durchströmte ich. Die Frau glitt mit einer fließenden Bewegung unter die Bettdecke und im nächsten Moment fühlte TharGelion ihre warme Haut auf der seinen. Kein Wort wurde gesprochen und kaum ein Ton war zu hören. Die beiden Körper fühlten sich gegenseitig, warm und sanft, ruhig und zärtlich waren die Bewegungen ihrer Hände. Für TharGelion versank alles um ihn herum in Nebel und Stille und er gab sich ohne zu zögern hin. Farben und Formen zerflossen und die Sterne drehten sich immer schneller, bis alles um ihn herum in der Leidenschaft verschwand.

TharGelion erwachte. Er hörte ein heftiges lautes Klopfen und die Stimme Ernils, die nach ihm rief: „Thar, was ist denn jetzt, du Schlafmütze. Die Sonne ist längst aufgegangen und wir müssten bereits im Dschungel sein. Ich warte schon eine Ewigkeit auf dich.“

Thar versuchte, sich zu orientieren, brauchte aber einen Moment, um seinen Kopf zu klären: „Warte noch einen Augenblick, ich komme sofort.“

Er wollte aus dem Bett aussteigen, als er merkte, dass er sich in der völlig zerwühlten Bettdecke verfangen hatte. Der Leuchter lag auf dem Boden und die Kerze war zerbrochen. Neben ihm war eine Vertiefung in der Strohmatratze, als hätte noch jemand neben ihm gelegen und ein brennender Schmerz zog sich über seinen Rücken. Hastig stand er auf und zog sich seine schwarze Lederhose an, bevor er zur Tür ging und sie öffnete.

Vor der Tür stand der grimmig dreinblickende Onlo, dessen Miene sich aber sofort aufhellte, als er Thar anblickte. „Wie siehst du denn aus? Hat ein Trupp Wiesengeister in deinen Haaren übernachtet. Und wieso grinst du so, hast du am frühen Morgen schon eine Larafpfeife geraucht? Du guckst, als hättest du gerade einen Edelstein unter deinem Kopfkissen gefunden.“

Thar war etwas verlegen und wandte sich halb um: „Warte bitte unten noch einen Moment auf mich, ich pack nur schnell meine Sachen.“

Er wollte gerade die Tür schließen, als der Onlo ihn packte und festhielt. „Halt“, sagte Ernil, „wie kommst du denn an diese Kratzer auf deinem Rücken.“

„Oh“, stotterte Thar, sich schnell umblickend um eine Erklärung zu finden, als sein Blick auf den Kerzenleuchter fiel, „ich bin in der Nacht aus dem Bett gefallen und an dem Leuchter hängen geblieben.“

Der Onlo schaute Thar aus zusammengekniffenen Augen an und grummelte: „Na ihr Halbelben habt ja seltsame Schlafgewohnheiten, komm ich reib die etwas Heiltrank auf den Rücken.“

„Nein, lass nur, es wird auch so heilen und mich noch eine Weile an die letzte Nacht erinnern.“ sagte Thar und das Grinsen erschien wieder auf seinem Gesicht, „warte unten, ich bin gleich da.“

Der Onlo stieg vorgebeugt und grummelnd die Treppe hinunter: „Versteh das, wer will.“ Und lauter rief er: „Lass gehen Thar, wir müssen uns eilen.“

TharGelion hörte den Onlo durch die geschlossene Tür, gegen die er sich mit dem Rücken gelehnt hatte und betrachtete das zerwühlte Bett. „Sollte es etwa kein Traum gewesen sein.“ dachte er und ging zu der Strohmatratze hinüber. Er sah sich alles genau an und dann entdeckte er plötzlich ein Haar – es war lang und sehr hell und es schien zu leuchten. Als er es in den Händen hielt und daran zog stellte er fest, dass es äußerst fest und elastisch war. Schnell knüpfte er einen Knoten in das Haar und ließ es sich über den Kopf gleiten, bevor er hastig seinen Kopf in einen Eimer frischen Wassers steckte, sein Hemd überstreifte und seine Sachen packte.

TharGelion fühlte sich frisch und ausgeruht, als er die Treppe hinab ging und hatte allerbeste Laune. Er hatte sich schon lange nicht mehr so gut und glücklich gefühlt und lachte den Onlo an, als er ihn vor der Herberge stehen sah.

„Komm, Ernil, lass uns gehen, heute wirst du Mühe haben mit mir Schritt zu halten, ich fühle die Kraft eines Zauberwesens in mir.“ rief TharGelion dem Onlo zu, der nur den Kopf schüttelte. Mit langen Schritten schloss der Onlo zu Thar auf und gemeinsam traten sie den Weg zur Festung der Dunklen Magier an.

 

12. Kapitel – Am Vulkan

Zunächst führte sie ihr Weg nach Westen, vorbei an dem großen Vulkan. TharGelion blickte nach Süden und konnte den Eingang zu der Grotte sehen, von der aus man ins Innere des Vulkans gelangen konnte. Dort würde er sich mit Thaladil treffen, um an die Eingeweide des Dämons zu gelangen, die er benötigte, um das Mithril schmieden zu können. „Es wird noch einige Zeit dauern, bis ich so weit bin.“ dachte er sich.

Der Onlo und er hatten gerade die Wegbiegung erreicht, die sie nach Norden in Richtung der Akademie des Lebens führen würde, als sich ihnen ein Wächter des Vulkans entgegenstellte. Diese Wächter waren starke Diener der Vulkandämonen und griffen jeden an, der ihnen begegnete. Sie führten mächtige rotglühende Schwerter, die üble Wunden verursachten, die allerdings auch eine begehrte Beute waren, da sie sich für hohe Preise in der Markthalle verkaufen ließen. TharGelion schaute kurz zu dem Onlo hinüber, doch der war bereits mit schnellen Schritten zum Angriff übergegangen. Ernil riss seine Gelbpollenschleuder hoch und deckte den Wächter mit einem Hagel der natürlich gewonnenen Geschosse ein. Der Wächter hatte nicht den Hauch einer Chance und brach auf der Stelle zusammen. Die Reaktionsschnelligkeit und Gewandtheit des Onlos hatten einen längeren Kampf nicht zugelassen.

„Bei Eru“, rief Thar, „für einen ollen Baum bist du verdammt schnell. Du hättest mir ja zumindest die Möglichkeit geben können, dir zu helfen.“

Ernil lachte laut. „So wie du den ganzen Morgen schon grinst, hättest du wahrscheinlich versucht, den Wächter zum Blümchen pflücken zu überreden“.

„Na, jetzt übertreib aber nicht“, gab Thar zurück, erinnerte sich aber sofort an die letzte Nacht und wieder verzog sich sein Gesicht zu einem freudigen Lächeln.

„Es fängt ja schon wieder an“ grinste Ernil, als er das Schwert aufgehoben hatte und Thar ansah, „und ich weiß genau, dass ich nicht weiter fragen brauch, ich bekomme eh keine Antwort.“

„Nein, bekommst du nicht, ich hab selbst noch keine Antwort gefunden, mit der ich zufrieden bin, also lass es bitte gut sein, Ernil.“

Ernil verzog das Gesicht und grummelte: „Wie du willst, aber ich habe das Gefühl, das da was seltsames hinter steckt. Du bist so oder so ein seltsamer Vogel.“

„Verwahr dir diesen Namen besser für Nanaim, schau mal, da kommt er schon wieder!“ rief Thar mit nach oben gewandten Augen.

Schweigend sahen der Halbelb und der Onlo zu, wie Nanaim aus dem Norden angeflogen kam und bei diesem Mal eine elegante Landung hinlegte.

„Hallo ihr zwei Lumpen!“ rief Nanaim ihnen zu, „Ich hab euch die ganze Nacht gesucht. Stellt euch vor ich hab ein paar ganz dicke Schlangen im Dschungel besiegt.“

„Aiya, Namaim. Das ist großartig“, sagte Thar zu dem näher kommenden Dunkelmagier, „ebenso großartig, wie deine Begrüßung.“ Thar und der Onlo lächelten und Nanaim grinste über das ganze Gesicht, so dass sich seine Zähne stark von den immer röter werdenden Wangen abhoben.

„Sei gegrüßt“, lachte der Onlo, „aber du scheinst es eilig zu haben, stimmt was nicht?“

Nanaim wurde sofort ernst: „Irgendetwas ist passiert, Rufe meines Clans erreichten mich und ich wird nun gleich zur Bank fliegen, um zu erfahren, was los ist. Zuvor muss ich euch aber noch etwas erzählen.“

TharGelion war nun neugierig geworden. „Schieß los, wir haben ebenfalls noch einen weiten Weg vor uns.“

„Na gut“, antwortete Nanaim, „ich weiß nicht genau, wie ich es erklären soll, aber letzte Nacht hab ich einen Engel gesehen.“ Ernil wollte ihn gerade lächelnd unterbrechen, aber Nanaim fuhr hastig fort: „Wartet, es stimmt wirklich, obwohl Engel vielleicht nicht das richtige Wort ist. Es war eine Frau, mit Flügeln.“ „Na und“ reagierte Thar skeptisch, „du hast doch auch Flügel, wir alle sind bereits mit den Flügeln der Fledermaus geflogen.“

„Nein, nein, nicht diese Flügel, die Flügel der Frau waren aus weißen Federn, und sie waren fest angewachsen – ich hab es genau gesehen, als ich sie auch dem Gebüsch beobachtet hab – und sie war wunderschön, wie ein Engel.“

Thar murmelte vor sich hin und sagte dann langsam: „Ich habe von solchen Wesen gehört, man nennt sie Ainudur, dass heißt Diener der Engel. Der Sage nach sind einige von ihnen nach dem großen Krieg der Götter in den Ländern der Elben und Sterblichen geblieben, aber nur selten wird von ihnen berichtet.“

„Davon hab ich noch nie gehört“ sagte Ernil.

„Du bist auch noch sehr jung, ein Schössling in den Augen der Elben, es war im letzten Zeitalter, als ich zuletzt die Geschichten von den Ainudur gehört habe“, antwortete Thar.

„Ich muss leider los“, unterbrach Nanaim die beiden, „ich wünsch euch einen friedlichen Weg.“ Er spannte die Flügel und erhob sich in die Luft.

„Dir auch, Nanaim.“ rief der Onlo und Thar fügte hinzu „Namarié, wandle im Licht der Sterne, Nanaim.“

Dann war der junge Magier verschwunden und der Onlo und TharGelion sahen sich an.

„Mal sehen“, lachte Ernil, „vielleicht bekommen wir ja auch noch eine Flügelspitze des Wesens zu Gesicht.“

TharGelion blickte etwas skeptisch, lächelte dann aber und gemeinsam schlugen sie den Weg Richtung Norden ein, der nach einiger Zeit nach Westen abbog und sie vorbei an der Akademie des Lebens zur Grenze des Dschungels von Gobos führte.

 

13. Kapitel  – Schlechte Nachrichten und eine seltsame Begegnung

TharGelion und Ernil hatten gerade den Waldrand erreicht, als der Halbelb plötzlich stehen blieb. „Ernil etwas stimmt nicht, Thaladil schickt mir eine Nachricht über Telepathie. Lass uns einen Moment rasten – ich glaub das dauert etwas.“

„Kein Problem“, antwortete der Onlo, „ich pass auf dich auf.“

Thar zögerte nicht, setzte sich mit dem Rücken an einen Baum und ließ sich in die Trance gleiten, die nötig war, um eine längere telepathische Verbindung aufrecht zu erhalten, während der Onlo sich mit dem Rücken zu dem Halbelb stellte und die Umgebung beobachtete.

TharGelion richtete seine Gedanken in die Ferne und stellte die Verbindung zu den Gedanken des mächtigen Dunkelmagiers her.

„Aiya, Thaladil – ich habe deine Nachricht erhalten, was ist passiert?“

„Sei ebenfalls gegrüßt, Thar, eine schlimme Sache ist passiert, Umeaturo hat Samira bestohlen. Er hat ihr eine der magischen Waffen genommen, die sie erbeutet hat. Der Hof um Theodeen und Samira ist in heller Aufregung angesichts dieses Verbrechens und so wie es aussieht, wird der Orden in Schwierigkeiten geraten.“ Sendete Thaladil.

Umeaturo war ein Zauberer, der ebenso wie TharGelion oder Thaladil ein Mitglied im Heren Ar-Istarion war. Er galt als launisch und neigte dazu, die Worte des Gesetzes auf die leichte Schulter zu nehmen. Allerdings war er ein vielversprechender Kampfmagier und der Orden hatte ihn in seine Reihen aufgenommen, in der Hoffnung, die jähzornige und kampflustige Art des jungen Mannes in Bedachtsamkeit und Umsicht zu verwandeln. Hätte er sich darauf eingelassen, wäre er vielleicht einer der großen Kriegszauberer geworden. Diese Hoffnung schien nun hinfällig zu sein, denn Umeaturo hatte nicht nur einen Diebstahl begangen, sondern er hatte auch noch die Königin bestohlen und das, obwohl der Orden sehr freundschaftliche Beziehungen zu dem Königshaus hatte.

Thar war entsetzt „Taurus, dass muss rückgängig gemacht werden – unbedingt und sehr schnell.“

„Ja ich weiß“, gab Thaladil zurück, „ich kann ihn aber nicht erreichen.“

„Wir müssen mit Umeaturo sprechen und ich werde bei Samira um Verzeihung bitten, ich werde sie wohl noch heute treffen.“

„Das ist gut“, sendete Thaladil „auch ich werde mich um die Angelegenheit kümmern, wenn Umeaturo nicht einlenkt, muss er den Orden verlassen.“

„So denke ich auch“ war TharGelions Antwort, „wir müssen immer wieder versuchen, ihn zu erreichen.“

„Ich werde mich bei dir melden, wenn sich etwas ergibt, bis dann.“, verabschiedete sich Thaladil.

„Namarié“ sendete Thar und beendete die Verbindung.

TharGelion tauchte aus der Trance auf, blieb aber noch einen Moment schweigend sitzen, bevor er zu dem wachenden Onlo sagte: „Es gibt ein Problem, Umeaturo hat die Königin von Konlir bestohlen. Ich muss mir etwas einfallen lassen – so kann ich Samira nicht gegenüber treten.“

„Das ist schlimm“ grummelte der Onlo ernst, „aber das betrifft dich nicht, Samira kennt dich und weiß, dass du nichts damit zu tun hast, sie wird dir keinen Vorwurf machen.“

„Das weiß ich, aber am Hof gibt es auch Einige, die meinem Orden nicht wohlgesonnen sind und nur auf eine Gelegenheit warten, uns zu schaden.“

„Da magst du recht haben, es ist gut, dass wir uns in der Festung im Norden mit dem König und der Königin treffen und nicht in Konlir.“, sagte Ernil, „lass uns aufbrechen, je eher du mit Samira sprechen kannst, desto besser.“

„Ja“ gab TharGelion schlecht gelaunt zurück, „lass uns gehen.“

Thar war schweigsam und schlug einen schnellen Schritt an. Die Geschwindigkeit war natürlich kein Problem für den Onlo, der mit seinen großen Schritten neben dem Halbelb herging. Beider waren in ihre eigenen Gedanken versunken, hatten aber ihre Augen immer in Bewegung, wussten sie doch genau, wie gefährlich der Dschungel sein konnte. Unterwegs begegneten ihnen lediglich ein paar Chiupvögel, die schnell erlegt waren und in Kombination mit Nolulawurzeln als Delikatesse galten.

„Es ist seltsam“ sagte der Onlo plötzlich, „wenig Tiere sind unterwegs, etwas ist seltsam hier im Dschungel.“

Der Onlo hatte kaum zu Ende gesprochen, als sie ein wildes Fauchen hörten. Sofort wandten sie sich nach Westen und spannten sich an, als sie die Geräusche eines Kampfes hörten.

TharGelion deutete dem Onlo mit der Hand an, dass sie sich dem Ort von zwei Seiten nähern würden und verschwand im nächsten Moment im Dickicht, ebenso wie Ernil, der einen Bogen schlug und auch nach Westen ging.

Thar schlich vorsichtig und Deckung nutzend durch das Unterholz, kam aber trotzdem schnell voran. Er erreichte bald eine kleine Lichtung und konnte sehen was passiert war. Doch offensichtlich hatte der Onlo die Lichtung von der anderen Seite noch eher erreicht, war zu Thars Entsetzen aber nicht in der Deckung stehen geblieben, sondern mit einem großen Schritt auf die Lichtung getreten und dort stehen geblieben. Dort stand er nun, wie angewurzelt, mit weit aufgerissenen Augen und halb geöffnetem Mund und sah dem Geschehen zu. Thar und Ernil hatten die Ainudur gefunden, das Wesen, von dem Nanaim erzählt hatte.

Die geflügelte Frau tanzte über die Lichtung, während sie gegen eine der überaus gefährlichen riesigen Giftdschungelschlangen kämpfte. Die Schlage maß etwa 30 Fuß und war dicker als ein großer Mann, hoch aufgerichtet schlug sie mit ihren Zähnen immer wieder in die Richtung der Ainudur, die dem Kopf der Schlange mit eleganten Schritten auswich und dabei ihr Schwert in weiten Schwüngen führte. Es waren keine abgehackten Schläge, die das engelhafte Wesen austeilte, sondern präzise Schnitte, die einem Muster zu folgen schienen. Immer wieder traf sie den Hals der Schlange und brachte ihr tiefe Verletzungen bei, ohne dass ihre Klinge auch nur ein einziges Mal stecken blieb. Dann, mit einem schnellen Schritt, breitete die Frau die Flügel aus und sprang der Schlange über das weit geöffnete Maul in den Rücken – der Kopf der Schlange fuhr ins Leere und die Ainudur drehte sich noch im Flug und schlug zu. Ihre Klinge fuhr mit großer Kraft in den Hals der Schlange, an eine Stelle, die bereits mehrmals getroffen wurde. Ohne an Geschwindigkeit zu verlieren, durchdrang die Klinge den Hals des Tieres und trennte den Kopf ab, der mit einem dumpfen Schlag auf den Boden fiel.

Thar war begeistert von der Eleganz des Kampfstils und sah, dass die Ainudur mit gespreizten Beinen über dem zusammengesunkenen Leib der Schlange zum stehen kam. Gewandet in eine goldene Rüstung, die nur wenig ihres Körpers bedeckte und mit langen blonden Haaren bot sie einen beeindruckenden Anblick. Sie senkte kurz mit geschlossenen Augen den Kopf, hob ihn aber sofort als aus Ernils Richtung ein lautes: „Wah…!“ zu hören war. Sofort war die geflügelte Frau wieder kampfbereit und überblickte die Lichtung – sie sah den Onlo an, der sie unverhohlen anstarrte und entdeckte im nächsten Augenblick auch TharGelion, der aus dem Gebüsch trat. Offensichtlich hatte sie keine Angst, trennte sie doch mit einer schnellen Bewegung der Schlange den Rachen auf, entnahm die Giftdrüse und war im nächsten Moment bereits wieder in Kampfhaltung.

TharGelion sah sie an und wandte dann den Blick zu dem Onlo. Ernil stand wie vom Blitz getroffen am Rand der Lichtung und regte sich nicht. Unverwandt sah er die Ainudur an. Thar blickte wieder zu der schönen Frau mit den weißen Flügeln herüber und rief sie an: „Aiya, Ainudur! Frieden!“

Die Frau sah ihn an, antwortete aber nicht. Kurz berührte sie mit dem Handschutz des Schwertes ihre Stirn, die Klinge gen Himmel gereckt und breitete dann ihre Flügel aus. Im nächsten Moment sprang sie hoch und war mit einigen kräftigen Schwingenschlägen nach Westen über den Bäumen verschwunden.

14. Kapitel – Zur Festung

TharGelion ging quer über die Lichtung zu dem Onlo und stellte sich vor ihn. „Ernil, alles klar?“

Der Onlo regte sich immer noch nicht und Thar fragte sich gerade, ob die Ainudur den Onlo mit einem Starrezauber belegt hatte, als Thar die Lichtung noch nicht erreicht hatte. Vielleicht, um alleine gegen die Schlange kämpfen zu können. Dann erinnerte er sich aber an den Ausruf des Onlo. „Eigentlich sollte ihn eine Starre vollständig lähmen“, dachte Thar. Er sah den Onlo an und trat ihm dann fest auf die wurzelartigen Füße.

Ein tiefes, lautes Brüllen kam aus der Kehle Ernils und im nächsten Moment flog Thar durch die Luft, getroffen von den langen Armen des Waldwesens.

„Verdammt, Thar, was sollte das“, schrie Ernil den Halbelb an, „glaubst du, ich spür nichts. Außerdem hätte ich dich verletzen können. Bist du in Ordnung?“

„Ja, ich denke schon“, sagte Thar mit schmerzverzerrtem Gesicht und schüttelte sich. Der Onlo beugte sich zu ihm herunter und wollte ihn am Arm hoch ziehen. „Warte! Bei Eru, hast du einen Schlag, ich glaube du hast mir alle Rippen gebrochen.“

„Verdammt, ich habe es geahnt“, stöhnte der Onlo, „wie sollen wir jetzt schnell zur Festung kommen. Hast du noch einen Heilzauber?“

„Ja, hab ich, aber nur einen sehr einfachen“, Thar richtete sich mithilfe des Onlo langsam auf und ging dann vorsichtig zu einem Baum in der Nähe, „ich kann so nicht laufen, die Gefahr ist zu groß, dass mir eine Rippe in die Lunge dringt. Und der Zauber würde den Heilprozess zwar beschleunigen, ist aber nicht stark genug, um die Knochen zusammen zu fügen.“

„Wir brauchen Hilfe“, entschied Ernil.

„Du hast Recht, ich werde versuchen jemanden aus dem Orden zu erreichen.“ TharGelion konzentrierte sich und trotz der Schmerzen gelang es ihm, eine Verbindung zu Marec aufzubauen. Der junge Magier antwortete prompt: „Thar, was ist los? Ich kann fühlen, dass du Schmerzen hast.“

„Bruder. Hilf. Habe die Rippen gebrochen, ich bin in Gobos, mit Ernil, schick Hilfe.“ war alles, was Thar ihm vermitteln konnte, bevor die Schmerzen zu stark wurden und die Verbindung abriss, lediglich einen einzigen Gedanken Marecs konnte er noch auffangen: „… Elenril …“

Der Onlo beobachtete Thar scharf, als dieser die Augen öffnete: „Ernil, irgendwas in mir ist zerrissen, ich fühle es, ich verliere das Bewusstsein.“

Ernil legte seine großen Hände hinter Thars Kopf und legte ihn flach hin, damit ihm das Atmen leichter fiel, Thar war bereits ohnmächtig und der Onlo konnte nur darauf hoffen, dass der Halbelb seine Freunde noch erreicht hatte. Er selbst hatte bereits versucht, Mitglieder seiner Sippe telepathisch zu erreichen, aber diese waren entweder auf diesem Weg nicht zugänglich, oder viel zu weit entfernt, um helfen zu können.

TharGelion atmete schwer und Ernil konnte ein Pfeifen hören, dass aus Thars Lungen zu kommen schien. Viel konnte der Onlo nun nicht für seinen Freund tun, also entschied er sich dazu, ein Feuer zu machen und mit den Nolulawurzeln einen Sud zu kochen, um ihn Thar einzuflößen. Ernil fühlte sich seltsam, konnte er sich doch nicht so recht erklären, wie es zu dem Unglück gekommen war. Und er musste immer wieder an die Engelsgestalt denken, die die Schlange geköpft hatte.

Immer wieder versuchte der Onlo auf telepathischem Weg Hilfe zu holen, während er Thar scharf im Auge behielt. Der Halbelb lag ruhig und bewegungslos auf seinem Bett aus Farn, das der Onlo ihm bereitet hatte, als aus dem Norden schneller Hufschlag ertönte. Nur einige Augenblicke später teilten sich die Zweige im Unterholz und Elenril trat in ihrer menschlichen Gestalt und mit gezogenem Schwert auf die Lichtung. Sorge und Zorn stand in ihren Augen, als sie auf Ernil und den liegenden TharGelion zuschritt.

„Was ist passiert, Ernil?“ fragte sie mit bebender Stimme.

„Aiya Unicon“, begrüßte sie Ernil vorsichtig und fuhr dann mit belegter Stimme fort, „ich glaub ich habe Thar umgehauen …“

„Du hast was?“ schrie Elenril, „Was soll das denn, er ist dein Freund, wieso schlägst du ihn?“

Elenril war weiß geworden und ihre Augen sprühten Blitze, als sie auf den Onlo zutrat. Hell hoben sich ihre Fingerknöchel ab, so fest hatte sie den Schwertgriff gepackt. Ernil hab die Arme und wich zurück: „Es war ein Versehen, Unicon, ehrlich! Ich wollte das nicht!“

„Das werden wir sehen“, die Frau beherrschte sich mühsam, „Jetzt muss ich mich erst um Thar kümmern.“

„Das tu ich auch schon die ganze Zeit“, sagte der Onlo zaghaft, „er muss hier weg.“

Elenril holte einen Heilkristall aus der Tasche und wandte ihn auf TharGelion an, dessen Körper durch die Kraft des Steins in ein weiches Licht getaucht wurde.

„Er hat die Rippen gebrochen, Uni“, erläuterte Ernil, „wie sollen wir ihn transportieren?“

Elenril beugte sich über Thar und untersuchte ihn. „Mindestens eine Rippe hat die Lunge durchstoßen, das können wir hier nicht heilen. Ich habe drei Zauberkugeln mitgebracht, die nehmen wir.“

Aufgerichtet begann Elenril damit, einen Starrezauber zu wirken und sandte ihn auf Thars Körper. „So, das wird die Rippen daran hindern, sich weiter zu bewegen. Ernil, heb Thar hoch, und dann benutz für ihn und dich diese Zauberkugeln. Wähl die Festung als Ziel, ich komme sofort.“

Der Onlo tat, wie ihm geheißen und nur Augenblicke später erschien er mit Thar auf den Armen auf einer Wiese im vergessenen Tal, hoch über sich konnte er die Festung der Dunklen Magie erkennen.

Gleich darauf erschien auch Elenril, diesmal in der Gestalt eines Einhorns. „Leg Thar auf meinen Rücken, Ernil und dann komm nach. Ich will noch mit dir reden.“

„Er wird runterfallen, Unicon, er ist besinnungslos“, wandte der Onlo ein.

„Niemand fällt von meinem Rücken, wenn ich ihn freiwillig trage, merk dir das.“ herrschte das Einhorn den verdutzten Onlo an, „Und jetzt beeil dich.“

Nur einen Moment später hatte Ernil den Halbelben über den Rücken des Einhorns gelegt und sofort galoppierte das pferdeähnliche Wesen los. Funken schlugen von den Hufen, wenn sie auf kleine Steinchen trafen, so schnell bewegte sich Elenril, doch dabei so gleichmäßig, dass Thar sich auf ihrem Rücken kaum bewegte.

Ernil schlug einen schnellen Schritt an, um den beiden zu folgen, wusste jedoch sofort, dass sie lange vor ihm in der Festung ankommen würden. Niemand in Mirimotha konnte dem Einhorn folgen, wenn es in Eile war.

 

15. Kapitel – Erzählungen

TharGelion öffnete langsam seine Augen. Es war nahezu stockfinster, nur ein schwaches rotes Glimmen ging von dem Feuer im Kamin aus und durch die Fenster fiel das blasse Licht der schmalen Mondsichel. Thar blieb bewegungslos liegen und versuchte zunächst, sich zu orientieren. Offensichtlich hatte man ihn fast vollständig entkleidet und nun lag er in einem großen Bett, ohne zu wissen, wie er dort hingekommen war. Er erinnerte sich an die Situation auf der Lichtung im Wald von Gobos und er versuchte, die Verletzungen zu erspüren, die Ernil ihm in seinem entrückten Zustand zugefügt hatte. Sofort fühlte er, dass er vollkommen heil war, jemand hatte seine Rippenbrüche versorgt und ihm auch neue Kraft gegeben. Thars Haut prickelte noch ein wenig, unzweifelhaft die Nachwirkungen mächtiger Heilzauber. Dann spürte er eine Präsenz und merkte, dass außer ihm noch jemand in dem Zimmer war, konnte aber nichts erkennen. Ohne sich durch eine Bewegung zu verraten, versuchte er, etwas zu entdecken, doch selbst für seine Elbenaugen waren die Schatten in den Ecken des Zimmers zu tief. Dann hörte er wie ein Stuhl oder Sessel auf dem Holzboden ein wenig bewegt wurde und im nächsten Moment sah er lange Haare im Mondschein schimmern, als Elenril auf ihn zu trat: „Bist du wach, TharGelion? Ich grüße dich.“

Sicherheit und große Erleichterung durchströmte den Halbelb, als er die Stimme seiner Freundin erkannte, in Elenrils Nähe war er vor jeder Gefahr geschützt und sein Körper entspannte sich. „Aiya Elenril, welche Freude dich zu sehn. Wo bin ich und wie komme ich hierher?“ fragte er.

„Ich bin auch froh, dass es dir wieder gut geht, denn das kann ich sehen.“, antwortete das Einhorn, das in seiner menschlichen Gestalt lächelnd vor Thars Bett stand, „du bist in der Festung und deine Fragen werden wir die beantworten, wenn du dich angezogen hast.“ Mit diesen Worten warf sie Thar seine Lederhose und die schwarze Tunika zu. „Zieh dich an, die anderen warten schon.“

„Das sieht dir ähnlich, Elenril“ grinste der Halbelb als er aus dem Bett kletterte und Elenril an sich zog, die ihn unverhohlen und ebenfalls grinsend musterte. „Kaum, dass ich mich wieder bewegen kann, ziehst du mich auf.“ Thar umarmte die Frau, die ihm während der vergangenen Monate so ans Herz gewachsen war und seine Umarmung wurde herzlich erwidert. „Ich bin froh, solche Freunde zu haben“, sagte er, „auch wenn ich immer noch nicht weiß, was eigentlich passiert ist, aber anscheinend habt ihr es geschafft, mich wieder auf die Beine zu stellen und mir meinen Atem zurückzugeben.“

„Komm jetzt“, erwiderte Elenril, „es gibt da einige, die auf dich warten und es gibt viel zu besprechen.“ Mit diesen Worten hakte sich Elenril bei Thar unter, der eben in seine Stiefel gestiegen war. Thar nahm seinen Kampfstab und gemeinsam verließen sie das Zimmer und gingen durch die Gänge der Festung, bis sie zu einem der kleineren Versammlungssäle kamen, von denen die Festung der Dunklen Magier mehrere aufweisen konnte. Thar kannte den Saal von früheren Aufenthalten in der Festung, es war der „Saal des Wissens“, seine Längswände waren gesäumt von hohen Regalen, in denen sich uralte Bücher befanden, die zwei anderen Seiten wurden von hohen, offenen Kaminen beherrscht und auf der Seite der Südwand wurde der Kamin von Fenstern eingerahmt, die die gesamte Höhe des Raumes einnahmen und die einen fantastischen Ausblick auf das vergessene Tal boten. Als Thar und Elenril eintraten sah der Halbelb, dass viele seiner Freunde und Bekannten versammelt waren. Samira und Theodeen waren dort, Ernil blickte ihm leicht zerknirscht aber mit einem freundlichen Lächeln in den Augen entgegen, Eowen stand eng an Marec gelehnt am Kamin, in dem ein lustiges Feuer prasselte, Chiara war da und sprach gerade mit Taurus und Xarax. Auch die Dunkelelbin Angoesce hatte den Weg in die Festung gefunden und lehnte lächelnd an der Wand neben einem der Fenster.

TharGelion und Elenril begrüßten ihre Freunde und bevor Thar zu dem großen schweren Holztisch, der den Raum beherrschte gehen konnte, kam Ernil auf Thar zu. „Es tut mir Leid, Freund, ich wollte dich nicht verletzen, ich kann mir selbst nicht genau erklären, was auf der Lichtung geschehen ist.“

„Mae govannen“, sagte Thar und schmunzelte, „du hast mich gut getroffen, aber mach dir keine Sorgen, Ernil. Es ist offensichtlich nichts passiert, was sich nicht hätte heilen lassen.“

„So bist du nicht zornig?“, fragte der Onlo.

„Nein, ich glaube, dass du gar nicht gewusst hast, was du tust.“ grinste Thar.

„Das ist es, was uns alle interessiert“, unterbrach ihn Elenril, „komm nimm Platz, wir alle wollen wissen, was da abgelaufen ist.“

„Einen Moment noch“, sagte Thar, „zuerst muss ich noch etwas erledigen.“

Er ging zu Marec und Eowen hinüber, die sich glücklich anlächelten und auch Thar anstrahlten, als er neben den beiden stand.

„Aiya Eowen, aiya Marec.“ begrüßte sie Thar, von Herzen froh, Eowen gesund zu sehn. „Wie geht es dir, Eowen, hast du dich erholt.“

„Oh ja“, lachte Eowen hell auf und sprudelte los, „es geht mir besser als je zuvor. Stell dir mal vor,…“

„Warte, warte.“ wurde sie von Marec unterbrochen, „das ist etwas, was wir allen am Tisch erzählen sollten.“

Eowen bekam rote Wangen und wollte gerade weiter reden, als Theodeen mit lauter Stimme sagte: „Können wir uns nun bitte alle hinsetzen, ich denke es gibt viel zu erzählen und bevor wir das tun, sollten wir mit Bier und Wein anstoßen und uns für einen langen Abend des Erzählens und Berichtens stärken.“

Samira trat neben ihren Mann und unterstützte seine Worte auf die ihr eigene freundliche Art: „Ja, nehmt Platz Freunde, ein Mahl wird uns helfen die Nacht zu durchstehen, denn ich kenne einige von euch gut genug, um zu wissen, dass es eine lange Nacht werden wird, wenn Wein und Bier eure Zungen lösen.“

Alle traten nun an den Tisch und fanden einen Platz, Theo und Samira nahmen die Ehrenplätze am Kopfende ein und ihnen gegenüber saßen Taurus und Angoesce. Die anderen verteilten sich an der langen Tafel und auf ein Handzeichen Samiras hin öffneten sich die Türen und Bedienstete der Festung kamen herein. Sie trugen schwere Tabletts, beladen mit Fleisch in schwerer Weinsoße, gefüllten Hühnchen, verschiedenen bekannten und exotischen Gemüsen und Beilagen, Fischplatten, verschiedenen Brotsorten und Früchten. Der Duft teurer Gewürze erfüllte den Raum und das Aroma der Speisen ließ der Gesellschaft das Wasser im Mund zusammen laufen. Rotweine und Weißweine wurden auf den Tisch gestellt und schwere Krüge mit frischem Taunektarbier und klarem Bergquellwasser. Ebenso schnell, wie die Diener herein gekommen waren, verließen sie den kleinen Saal auch wieder und als sich die Türen hinter ihnen geschlossen hatten, stand Theodeen noch einmal auf.

„Seid gegrüßt Freunde“, begann er, „ich freu mich auf den Abend und bin begierig zu erfahren, welche Neuigkeiten es gibt, aber zunächst will ich meinen Dank aussprechen. Thaladil, es erfüllt mich mit großer Freude, dass ihr dafür gesorgt habt, dass uns dieser Raum und die Dienste der Festung zur Verfügung stehen. Ich weiß eure Großzügigkeit und die eurer Freunde bei den Dunklen Magiern sehr zu schätzen und bin mir bewusst, dass nicht alle Mitglieder der Dunkelmagier zustimmen, wenn es darum geht, Menschen und Onlos unter diesem Dach zu beherbergen. Ich danke euch.“

Thaladil nahm den Dank entgegen und nickte: „Auch den Dunklen Magiern ist Freundschaft heilig und wir wissen auch, wie man Gäste bewirtet. Und ihr kamt in Frieden und werdet in Frieden wieder gehen können, darauf habt ihr mein Wort. Außerdem sind alle hier durch Freundschaft und Gemeinschaft verbunden, die über die Grenzen der Rassen, Clans und Orden hinausgeht und unsere Stärke wird vervielfacht, indem wir zueinander stehen. Ihr seid herzlich Willkommen. Alle.“

Theodeen lächelte und er erhob nun sein Glas und sprach: „So lasst uns dann auf einen schönen Abend trinken, auf die Gesundheit die einige von uns wiedererlangen konnten, auf die Abenteuer von denen wir erzählen werden, auf die Kochkünste der Köche der Festung und vor allem auf unsere Freundschaft.“

Der König trank und alle taten es ihm nach. Als er sich wieder gesetzt hatte, begann die Gesellschaft damit, sich die Teller zu füllen und als alle bereit waren klopfte Angoesce mit einem kleinen Stab an ihr Glas und im nächsten Moment erfüllte leise angenehme Musik den Raum. Sämtliche Gäste spürten sofort die entspannende Wirkung der elbischen Klänge und Gelassenheit erfüllte sie. Die Atmosphäre in dem Saal wechselte innerhalb kurzer Zeit von mühsam unterdrückter Neugier und Redefreude zu einer ruhigen angenehmen Sinnlichkeit. Jeder fand unter den servierten Speisen etwas, was den Gaumen mit Freude erfüllte und bald waren alle von Heiterkeit erfüllt. Das Essen fand schweigend statt, unterbrochen lediglich durch einige Bemerkungen, die sich auf die hervorragende Qualität des Essens bezogen. Selbst Eowen, bekannt für ihre Ungeduld, war von der Stimmung die den Saal erfüllt hatte eingefangen worden. Schließlich, als alle fertig waren und die Diener auf ein nicht sichtbares Zeichen hin den Tisch bis auf die frisch gefüllten Krüge und die Früchte abgeräumt hatten, lehnte Samira sich zurück und sagte: „Das war ein wunderbares Essen und danke Angoesce, für die zauberhafte Musik.“ Die Dunkelelbin neigte lächelnd den Kopf und Samira fuhr fort: „Viel ist in den letzten Tagen passiert und nicht alles davon erfüllt mein Herz mit Freude, am meisten interessiert mich zunächst aber, was TharGelion zu den Geschehnissen auf der Lichtung in Gobos zu erzählen hat und auch ihn wird es nach Antworten dürsten. Also bitte ich dich, mein Freund Thar, erzähl uns, was dort vorgefallen ist. Bis zu diesem Zeitpunkt deiner Reise mit Ernil sind wir von ihm bereits unterrichtet worden, doch warum du verletzt wurdest, konnte er nicht genauer erklären.“ Bei den letzten Worten musterte Elenril den Onlo scharf doch Thar legte ihr die Hand auf den Arm und lächelte.

„Zuallererst möchte ich sagen, dass Ernil wohl keine Schuld an meiner Verletzung trifft, es sei den, man wolle Liebe auf den ersten Blick als Verbrechen bezeichnen. Ernil hat euch bestimmt von der geflügelten Frau auf der Lichtung erzählt, oder?“ Thar hielt inne und sah in die Gesichter seiner Freunde.

Einige lächelten, König Theodeen grinste eher unköniglich und Eowen und Marec sahen etwas verdutzt aus. Ernil selbst hatte die Farbe gewechselt und sein sonst eher heller Farbton war um mehr als nur einige Nuancen dunkler geworden. Aber auch er grinste.

TharGelion lächelte ebenfalls und fuhr fort: „Der Kampf zwischen der Ainudur und der Schlange war gerade zu Ende und die geflügelte Frau war verschwunden, als ich auf Ernil zu ging, er war wie paralysiert und schien mich gar nicht wahrzunehmen. Er starrte immer noch auf die Stelle, wo sich die Frau in die Lüfte gehoben hat und als ich ihm auf die Füße trat hat er mich einfach weggefegt. Ich denke es war ein Reflex und der Schmerz meines Tritts hat ihn aus seiner verliebten Lähmung befreit.“ Bei den letzten Worten grinste Thar breit und Ernil wurde noch etwas dunkler. Niemand sagte ein Wort, der ganze Saal war von tiefer, fast andächtiger Stille erfüllt, bis sich Samira freundlich lächelnd zu dem Onlo hinüber wandte:

„Hat sie dir gefallen, Ernil?“

„Wah …“, rief der Onlo und in der nächsten Sekunde wich die Stille im Saal einer ungetrübten Heiterkeit und schallendem Lachen. Sogar der düstere Thaladil und die bisher so schweigsame Angoesce stimmten in die ausgelassene Stimmung ein. Aufmunternde Worte und Versprechungen, Ernil bei der Suche nach der Ainudur zu helfen überschwemmten den Onlo und auch Ernil verlor seinen fast entsetzt anmutenden Gesichtsausdruck und lächelte breit.

Nur Elenril schwieg, sanft lächelnd sah sie Ernil an. Als sich die erste Aufregung etwas gelegt hatte sagte sie mit leiser Stimme: „Ich kenne sie.“

Wieder trat Stille ein und alle sahen Elenril mit großen Augen an. Ernil war aufgesprungen und stützte nun die Hände auf den Tisch. Seine Augen fixierten Elenril als er fragte: „Wer ist sie? Wo kommt sie her? Was ist sie? Wo ist sie?“ Die Worte strömten aus seinem Mund und obwohl er zu den als ruhig geltenden Onlo gehörte zitterte jedes astartige Haar auf seinem Kopf in gespannter Erwartung.

„Ernil, so viele Fragen auf einmal!“ tadelte Elenril lachend, „aber eine davon will ich dir beantworten. Sie ist hier. Soll ich sie rufen?“

Schweigend sahen sich die Menschen, Elben und anderen Wesen an, dann räusperte sich Theodeen und sagte: „Es spricht nichts dagegen, sie zu holen, Elenril. Ich vertraue dir, aber sag uns mit einigen Worten bitte, woher du sie kennst.“

„Natürlich, oh König“, sagte Elenril, „ich möchte nichts erzählen, was sie nicht selbst erzählen könnte, aber ich kann euch sagen, dass ich sie vor einiger Zeit traf und sie in den Clan eintrat, in dem auch ich bin. Sie hat sich seitdem als zuverlässige und treue Freundin erwiesen und als ich in den letzten Tagen erfuhr, dass sie an dem Zwischenfall mit Thargelion und Ernil beteiligt war, habe ich sie gebeten, hierher zu kommen, damit sie euch kennen lernt und ihr sie um ihre Sicht der Geschehnisse auf der Lichtung befragen könnt. Soll ich sie nun rufen?“

„Ja“, sagte Samira, „hol sie her, ich bin jetzt neugierig.“

Zustimmendes Gemurmel breitete sich über dem langen Tisch aus, lediglich TharGelion sah Elenril schweigend an, während Ernil laut rief, „Worauf wartest du noch?“

Lächelnd senkte Elenril den Kopf und schloss die Augen, sie kommunizierte einige Momente über die Clantelepathie und hob dann das Haupt: „Sie ist auf dem Weg, ich gehe ihr entgegen.“ Mit diesen Worten stand das Einhorn in menschlicher Gestalt auf und ging durch die Türe in den Gang. In gespanntem Warten saß die Gesellschaft an dem Tisch, lediglich der Onlo war aufgesprungen und durchmaß nun den Raum mit langen Schritten. „Setz dich hin, Ernil“, sagte Thar, „du bist ja schlimmer als ein verliebter Jüngling. Warte doch erstmal ab.“

„Ich bin nicht verliebt“, schnaubte der Onlofürst, „aber ich will wissen, welchen Zauber sie angewendet hat.“ Ernil nahm seinen Platz wieder ein und im nächsten Moment öffneten sich die breiten Türen. Elenril trat ein und hinter ihr kam eine Frau in einem langen weißen Kapuzenmantel. Die Kapuze war zurückgeworfen und lange blonde Haare fielen über ihre Schultern. Die Ainudur lächelte leicht und blickte jeden Einzelnen kurz an. Als ihr Blick dem des Onlo begegnete stand der sofort auf seinen Beinen und starrte sie mit offenem Mund und geweiteten Augen an. Das Lächeln der Ainudur wurde etwas offener und ein wissender Blick trat in ihre Augen. „Aiya, ehrenwerte Damen und Aiya ehrenwerte Herren, ich danke euch für die Einladung. Ich werde Nane genannt.“

„Aiya“ antwortete Theodeen, „sei Willkommen Nane, Ainudur.“

Auch alle anderen begrüßten die in weiß gehüllte Frau und auch TharGelion sagte zu ihr: „Aiya. Mae govannen, Nane. Wieder einmal grüße ich euch.“

„Aiya TharGelion“, antwortete die Ainudur, „auch ich grüße euch, Elenril hat mir bereits viel von Euch erzählt.“

Elenril stand lächelnd neben Nane und wandte sich nun Ernil zu: „Fürst Ernil, wollt ihr die Ainudur nicht begrüßen?“

Der Onlo, dem immer noch der Mund offen stand schauderte kurz, so dass sämtliche Ästchen an seinem Kopf vibrierten und fing sich dann: „Seid gegrüßt, Nane.“, stotterte er zunächst, um dann mit festerer Stimme fort zu fahren, „ich freue mich, euch wieder zu sehn.“

 

 

 

...... wird fortgesetzt!

 

 

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